» Die Politik Untersuchung über die völkerpsychologischen Bedingungen gesellschaftlicher Organisation Von Alexander Ular Band 3 der Reihe Die Gesellschaft Sammlung Sozialpsychologischer Monographien Herausgegeben von Martin Buber Frankfurt am Main 1906 The Dunyazad Digital Library www.dunyazad-library.net The Dunyazad Digital Library gives you classical books (and the occasional modern one) in PDF format, professionally proofread, edited and typeset. The PDF format allows for a careful design of lines and pages, resulting in a more pleasant reading experience than the necessarily random line and page breaks of other e-book formats. A reading device with a screen size of 8 inches or more is recommended. All the books in the Dunyazad Digital Library are also available as plain text and ePub files. The texts of these versions are identical with those of the PDF e-books. All Dunyazad Digital Library e-books are free from any DRM restrictions. 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For better legibility with monospaced fonts, m-dashes [—] have been replaced with two hyphens [--], and ellipses […] with three dots [...]. If you read this file with a proportional font, you may want to replace -- with — and ... with … A Dunyazad Digital Library book Selected, edited and typeset by Robert Schaechter First published May 2026 Release 1.0 * May 2026 » Über den Autor Alexander Ular war ein deutscher Journalist, Sinologe und Schriftsteller, der heute vor allem für seine deutsche Übersetzung des Tao Te King bekannt ist, der aber neben dem vorliegenden Text auch mehrerere Monografien über Russland und China sowie zwei Romane verfasst hat. Über sein Leben ist erstaunlich wenig zu finden -- nicht mehr als dass sein richtiger Name Alexander Ferdinand Uhlemann war, dass er 1876 in Bremen geboren wurde, dass er eine Zeit lang in Frankreich lebte, dass seine politische Ausrichtung als anarchosyndikalistisch beschrieben werden könnte, und dass er 1919 in Marokko starb. » Über dieses Buch Alexander Ulars Ausführungen zum Verhältnis von Religion, Macht und Politik sind nach wie vor aktuell, vielleicht sogar aktueller als zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift -- bemerkenswert ist, dass Ular sie lange vor Sigmund Freuds Abhandlungen _Totem und Tabu_ und _Massenpsychologie und Ich-Analyse_ verfasst hat. Der in ihnen durchklingende Optimismus des beginnenden 20. Jahrhunderts, als der rasante technische und gesellschaftliche Fortschritt Freiheit und Wohlstand versprach und Krieg, zumindest in Europa, zunehmend undenkbar schien, hat sich dagegen als trügerisch erwiesen, ebenso wie seine idealisierte Einschätzung Chinas -- auch im 21. Jahrhundert leben wir immer noch inmitten von Diktaturen, Kriegen und Genoziden, und es zeigt sich wie erschreckend aktuell die Mechanismen der Macht, die Ular aufzeigt, immer noch sind. » Über diese Ausgabe Für die vorliegende Ausgabe wurde die Rechtschreibung aktualisiert, und für Personennamen und geografische Bezeichnungen heute übliche Schreibweisen gewählt. Im Original gesperrt gesetzte Wörter sind hier kursiv gesetzt. Im Original sind die Textabschnitte nicht nummeriert. Die Fußnoten sind meine (R.S.). » Die Politik »» ~ 1 ~ Seit unzähligen Jahrtausenden strecken die tibetischen Bergriesen ihre nackten Arme trostlos zum Himmel. Nichts schützt sie gegen das unabänderliche Geschehen der Erde. Lang schon ist ihnen ihr Panzer aus Blättern und Sand vom Leibe gerissen. Stürme, Kälte, Atemnot und die verheerende Seuche des Bazillus Mensch hat ihren Rock aus Wald zerfressen. Jede Kleidung, jede Decke, jedes erhaltende Etwas ist ihnen in Lumpen vom Körper gefallen. Der Frost sprengt in ihren Leib klaffende Wunden. Die Nässe schabt ihre Haut. Was in ihnen ist, blutet heraus. Sie weinen aus allen Poren. Ihre Augen werden Seen. Aus allen Spalten quellen reißende Flüsse. Jeden Frühling löst sich ihre Wolkenmähne in furchtbaren Gewittern, und ihr Schneebart trieft in Strömen zu den Niederungen. Und jeder Tropfen nimmt etws von dem Sein der Riesen mit sich hinab. Sie sterben langsam, ganz langsam. Aber der Widerhall ihrer Zersetzung bedeutet unendliches Glück und unendliches Unglück, in wildem Wechsel, für unermessliche Länder. Denn die Flüsse führen die Splitter der Berge zur Ebene und breiten sie dort in immer dickeren, immer fruchtbareren Schichten über weite Gebiete aus. Und auf diesem reichsten Boden der Welt, auf der „gelben Erde“, entspringt in dichtesten Kulturen, wie das Infusionstierchen im Schlamme des Sumpfes, der winzige Mensch. Er lebt von der fruchtbaren Erdschicht; aber er stirbt, wenn eine neue, noch fruchtbarere sich über sein Land zieht. Er hat mit ungeheurem Fleiß den Zufluss der Bergsplitter geregelt. Hohe Deiche schützen ihn gegen den Gelben Strom, und auf seine Felder leitet er nur so viel des belebenden Schlammes, als die Erschöpfung der früheren Schichten wettmacht. Aber von Zeit zu Zeit hilft ihm nichts gegen den ungeheuren, verderbenbringenden Einbruch neuen Segens. Der zwischen die Dämme gezwängte Strom ermüdet und lässt, was er mit sich schwemmt, zur Sohle sinken. Sein Bett hebt sich; sein Spiegel steigt. Alljährlich erhöht und verstärkt der Mensch die Deiche. Aber der Druck des Wassers wächst stärker, je höher der Flussboden sich legt. Schließlich liegt er höher als das Land hinter den Deichen. Verzweifelt wehrt sich der Mensch gegen die drohende Gefahr. Er aber kann in dem künstlichen Strombett das ganze Gewicht der Wasser- und Schlammmassen nicht dauernd tragen. Und dann bricht mit unerbittlicher Notwendigkeit das Entsetzliche herein. Wenn einmal die Schnurrbärte der Bergriesen stärker triefen, ihre Wolkenhaare in dickeren Strähnen niederhängen, schwillt der Strom zum letzten gewaltigen Stoße an. Ein kleiner Riss sprengt die Dämme. Mit wütendem Dröhnen dringt der Strom in sie, zerreißt sie, schleudert sie auf die Ebene hinab. Klafterhoch stürzt die ungeheure Wassermasse über das Land, entwurzelt die Bäume, zerreisst die Häuser, ertränkt ohne Rettung Menschen und Tiere, opfert Hunderttausende lebender Wesen, und dehnt sich über Tausende von Meilen zum trostlosen stinkenden See. Die Sonne pumpt in giftigen Nebeln die Nässe wieder zum Himmel empor. Der See wird Sumpf. Der Sumpf wird neues fruchtbares Land. Wo eben Zehntausende starben, schwärmen Hunderttausende emsiger Menschen zusammen. Sie ziehen neue Gräben, wölben neue Deiche, pflanzen neue Bäume, pflügen neue Felder, bauen neue Häuser, leben auf dem neuen Grunde ein reicheres, leichteres Leben als die im Einbruch des befruchtenden Wassers Vernichteten. Denn die lebengebärende Schicht ist dicker und in sich verschiedener. Neue, andere Salze durchdringen sie; neue andere Früchte gehen aus ihr hervor. ... Bis wieder der vom Willen zum Bestehenden geknechtete Mensch gerade _diese_ Schicht, gerade _diese_ Salze, gerade _diese_ Früchte zu seinem Glück notwendig glaubt, gegen das unabänderliche Geschehen der Erde wütend streitet, wieder den Strom einzwängt, die Deiche erhöht, den natürlichen Wechsel, die ewige Verschiebung der Massen hindert, um schließlich zu seinem Verderben, aber zum Segen der Späteren im neuen furchtbaren Stoße nicht zu bezwingender Kräfte zugrundezugehen. »» ~ 2 ~ Politik ist im Leben der Gesellschaften, was die Überschwemmung des Gelben Flusses im Leben der „gelben Erde“ Ostasiens ist. Die Berge sind die rohen, unvollkommen gegliederten Massen natürlichen Menschenmaterials. Der verlorene Wald ist die Hülle brutaler Macht, die sie zusammenhält. Das Wasser stellt die alles Bestehende lösenden beweglichen Instinkte, Tendenzen, Ideen, Forderungen der stumpfen Menge dar. Der wachsende Strom ist der wachsende Andrang neuer Völker oder Ideen gegen alte Kulturen. Kulturboden ist der gelbe Löss. Die Deiche und Gräben sind wohlgegliederte Organisationen sesshafter Völker. Die Überschwemmung ist der Zusammenbruch ihrer Staaten. Und der Wiederaufbau ist die Geburt neuer Kultur mit reicherem Material an Blut und Ideen. Es ist keine andere Definition, ja fast keine andere Analyse der Politik nötig, wenn man sie, was gesünder ist als absolutistische Hegelei, ganz einfach als die _Tätigkeit der Gesellschaft zu ihrer Selbsterhaltung und Machterweiterung in ihrer jeweilig bestehenden Form_ auffasst. Politik ist Kampf einer Gesellschaft gegen Mächte, die ihren Rahmen zu durchbrechen drohen. Sie ist auch Kampf gegen Mächte, die schwach genug scheinen, dass man sie in diesen Rahmen hineinziehen zu können glaubt. Aber das ist dasselbe; denn für eine Gesellschaft ist Machterweiterung bloß eine erhöhte Sicherstellung des bestehenden Kulturrahmens. Skeptiker werden die Politik noch einfacher auffassen, und sie als Katzbalgerei jeglicher organisierter Menschengruppen darstellen. Leute, in deren Gehirn die Physik den Köhlerglauben mit Würde und Misserfolg vertritt, werden verkünden, dass die Politik recht eigentlich Dynamik der Kultur ist. Und die schamlosen Gesellen, die an nichts mehr glauben, und alles Heilige unter dem Vorwand der Wahrheit und des gesunden Menschenverstandes im Schmutz ihres Zynismus ersäufen, werden in der Politik weder etwas von Kultur noch von Gesellschaft finden, über die „höchsten Güter“ eines Volkes, welche die Politik erhalten soll, als eine schwächliche Autosuggestion lächeln, sich sogar mit den großen Zauberformeln von Staat, Nation, Rasse, Religion, Volk, Fürst, Kultur ihre Unverschämtheit nicht exorzisieren lassen, die bisherige Nichtexistenz irgend einer wirklich selbständig handelnden Gesellschaft nachweisen, und in eklem Triumph die freien Bürger nationaler Staaten mit dem, ach! nur zu wahren Schreckensruf aus der Haut fahren machen: „Noch nie ist Politik von Gesellschaften getrieben worden, sondern nur von Autoritäten; noch nie hat die öffentliche Meinung Gesellschaften gelenkt, sondern bloß die Oligarchie, welche die öffentliche Meinung zusammenbraut, bestehe sie nun aus Fürsten, Priestern, Demagogen oder Prätorianern; noch nie hat ein Volk, eine Rasse, eine Religionsgenossenschaft, eine Nation sich durch das freie Zusammenarbeiten ihrer Mitglieder erhalten oder größer gemacht, sondern nur unter dem bewussten oder unbewussten Zwange der Individuen oder der dem Massengehirn aufgepressten Autoritätsideen, die die Gesellschaft zusammenhalten.“ Tatsächlich ist es für alle Leute, die nicht gerade Kaiser, Dalai-Lama oder zum mindesten Präsident einer Republik sind, einigermaßen ärgerlich, festzustellen, dass die Gesellschaften bis heute sich gerade zur wirklichen Leitung derjenigen Angelegenheiten hervorragend unfähig gezeigt haben, die ihre Existenz als solche ganz unmittelbar betreffen. Wo bleiben die Russen, wenn der Zar an Japan den Krieg erklärt, wo die Japaner, wenn der Tenno und seine feudale Oligarchie aus dem italiengroßen Korea eine ungeheuerliche Bodenspekulation machen? Wie sieht es mit den Engländern aus, wenn eine Oligarchie von Bierbrauern und Schraubenfabrikanten Transvaal erobert, und wie mit den Amerikanern, wenn ihr gewählter Zar mit seiner Milliardäroligarchie die Filipinos wütend voll Wasser pumpt und sie schließlich an spanische Mönche zurückverschachert? Es ist heute noch gerade so wie vor 3700 Jahren, als Usirtasen{1} seine ägyptischen Rothäute gegen die nubischen Schwarzhäute hetzte, ja, wie vor mehr als 5000 Jahren, als ein grosser Unbekannter irgendwelchen Chaldäern{2} einredete, er sei der Sohn des Gottes Ilo, und sie auf diese Weise listig zwang, für ihn das „Tor Ilos“, nämlich Bab-Ilo, zu bauen, und somit eine neue Großmacht zu schaffen, der sie sich mit Wonne unterwarfen. {1: Sesostris III.} {2: Ular verwendet „Chaldäa“ für Mesopotamien, in dem zunächst die sumerische, später die akkadische, dann die babylonische und schließlich die assyrische Kultur dominierten. Babylon als Großmacht entstand allerdings erst im frühen 2. Jahrtausend v.u.Z.} Soweit die Geschichte in den Urschlamm der menschlichen Gesellschaftsentwicklung hineinbaggert, fördert sie abwechselnd immer wieder dasselbe zutage. Die „Patrie“ und das „Vaterland“ sich demokratisch glaubender Bürger ist nicht nur dasselbe wie die „Swiataja Russj“ des Muschik{3} oder das „Tien-hsia“, das Himmelsuntere, des chinesischen Bauern. Es ist, bloß etwas weniger anthropomorphistisch, etwas verphilosophastert, etwas hypokritischer, etwas verhegelt, nichts anderes als die schon etwas zu abstrakt gewordene Theokratie des Urjuden, als die im Großkönig fleischgewordene Macht des Gottes Assur, oder des ägyptischen Ra, als der im Papuahäuptling lebendig gewordene ewige Wombat oder die gewisse Indianerstämme ebensosehr wie das „Prinzip eines nationalen Reiches“ beherrschende große Ratte. {3: Das „Heilige Russland“ des (leibeigenen) russischen Bauern.} Der ganze Unterschied liegt bloß in der mehr oder weniger konkreten Vorstellung, welche die Volksmenge von dem sie leitenden Prinzip hat, und in der Art und Weise, wie die dieses Prinzip Ausbeutenden, wie die Oligarchie ihren Machtschwindel von der ungeheuren Volksmajorität für bare Münze nehmen lässt. Nichts ist nämlich unanfechtbarer als die unangenehme Binsenwahrheit, dass ohne Autorität keine geordnete Gesellschaft bestehen kann. Nichts ist ein besser begründeter Gemeinplatz, als dass die Politik die Regelung der Beziehungen zwischen Autorität und Volk einerseits, zwischen Autoritäten verschiedener Völker andererseits zum Zweck hat. Nun fragt der moderne Europäer mit Vorliebe, ob die Autorität nicht natürlicherweise vom Volke selbst stammen soll, und antwortet selbstverständlich, dass sie bei ihm wenigstens der Ausdruck des Volkswillens ist. Alle Herrschenden können dem Schöpfer, an den sie etwa glauben, danken, dass dieser ungeheuerliche Irrtum feste Wurzeln gefasst hat; sonst würden sie sämtlich schon längst am nächsten Laternenpfahl hängen. Die Wahrheit ist selten, und auch dann nur ganz ohne Absicht ausgesprochen worden. Sie liegt nackt in dem berühmten Wort eines Herrschenden: „Dem Volke muss die Religion erhalten werden.“ Alle politische Autorität ist nämlich religiösen Ursprungs und religiösen Wesens. Es ist natürlich gleichgültig, ob Robespierre den Kultus des „Höchsten Wesens“ oder der Australier den des Beutelschweins vorzieht, ob die „Staatsidee“ oder der „Vaterlandsgedanke“ das Gemüt der Masse beherrscht und als Patriotismus zutage tritt, oder der Dalai-Lama selbst lebendiger Gott ist. Die politische Autorität beruht immer -- bis jetzt, wohlgemerkt -- auf dem Schleiermacherschen „schlechthinnigen“ Abhängigkeitsgefühl{4} von einer Macht, die im Grunde nur dadurch existiert, dass man sie nicht aus der Nähe betrachten kann oder mag. Hätten sich die Ägypter von ihrem Khufu{5} nicht „schlechthin“ abhängig gefühlt, sie hätten ihn zu seinen Vätern versammelt, ehe sie dreißigtausend Mann hoch, jahrzehntelang zu Hungerlöhnen stumpfsinnig wie wahres Lastvieh ihm seine unnütze Pyramide gebaut hätten. Und wenn das „internationale Proletariat“, anstatt bloß papieren zu sein, sich von Land zu Land nicht noch vom Begriff des Nationalen, mit allen seinen unzähligen Traditionen sprachlicher, gemütlicher, ja sogar wirtschaftlicher Natur „schlechthin“ abhängig fühlte, so sähe es sicherlich in Europa ganz anders aus. Politik ist bis jetzt stets nur Umformung vernunftmäßig nicht zu erklärender Autorität gewesen -- wenn auch manchmal unter dem Vorwande ihrer Abschaffung oder wenigstens ihrer Schwächung. Ist dies richtig, so handelt es sich in jeder Politik bloß um den Kampf religiöser Macht gegen alles, was im unterworfenen Individuum lebendig wird, wenn sein Glaube an diese Macht sich ändert oder sich verliert. All dieses Außerreligiöse im Leben der Gesellschaften ist wirtschaftlich. Das Religiöse bindet; das Wirtschaftliche löst. Das Religiöse ist intellektuelle Schwäche, das Wirtschaftliche dynamische Stärke. Folglich ... Quod erit demonstrandum.{6} {4: Für den Theolgen und Philosophen Friedrich Schleiermacher (1768--1834) ist das, wie er sagt, allen Menschen bekannte „Gefühl schlechthinniger (d.h. absoluter) Abhängigkeit“ Gottesbeweis und die Grundlage allen religiösen Empfindens.} {5: Cheops.} {6: Was zu beweisen sein wird.} Aber solche Theorie ist nicht nur grau wie Pyroxilinpulver; sie riecht auch ebenso revolutionär. Sie kann in liebenswürdigerer Form und in lebhafteren Farben schweigsam hinter dem Urwald des politischen Lebens hervorscheinen. »» ~ 3 ~ Der goldene Baum des politischen Lebens ist eigentlich aus Eisen; und zwar ist er nicht grün wie der goldene, sondern rot wie Blut. Nicht etwa rot von dem Blut, das wütenden Parlamentariern zu Kopfe steigt, auch nicht von dem, welches arbeitende Menschen symbolisch schwitzen, sondern rot von dem Blut der Schädel, die eingeschlagen worden sind, um ihnen neue Autoritätsprinzipien, neue Religionen verständlich zu machen. Wer allerdings in unserer Epoche Wert darauf legt -- sonderbarer Ehrgeiz -- als moderner Kulturmensch aufgefasst zu werden, fängt damit an, sich die schrecklichste Realität der menschlichen Geschichte unter dem Vorwande intellektueller Ehre feige wegzulügen und seinen Unglauben, sein ansuggeriertes Gefühl, von nichts Unerklärlichem mehr „schlechthin“ abhängig zu sein, in das politische Leben der Menschheit hinein zu interpretieren. Nichts ist schöner als dies wütende Aufbäumen gegen das Wirkliche, nichts rührender als der Glaube an die eigentliche Ohnmacht des Glaubens. Nichts ist auch nützlicher in einer Zeit, da die praktische Politik atavistischer Autoritätsformen sich verzweifelt mit der Waffe des „Es ist immer so gewesen“ wehren muss. Atheisten sind vielfach in „glücklichen“ Staaten (d.h. in solchen, wo die Oligarchie glücklich ist) so anrüchig, dass wer überhaupt dem religiösen Unfug kulturschaffende Eigenschaften zuschreibt, als unaufrichtig angesehen zu werden pflegt. Es ist deshalb notwendig, eine Zeile zu opfern, um besonders festzulegen, dass, wenn die großartige Rolle des Glaubens im Leben der Gesellschaften hier offen erwiesen wird, dies durchaus nicht eine Ehrenrettung der Religion bedeutet. Der Atheismus kann so weit gehen, dass er den Glauben nicht mehr diskreditiert, sondern ihn als Tatsache ebenso aufmerksam hinnimmt, wie einen Schildkrötenenembryo. Diejenigen, welche den historischen Materialismus erfunden haben, sind nicht so weit gegangen. Sie haben alle Politik auf wirtschaftliche Begebenheiten zurückgeführt, und die Sehnsüchten der Völker und sogar ihrer Herrscher aus dem Drange nach höherem Wohlsein erklärt. Mein und Dein, Arm und Reich sind die wesentlichen Kräfte, die, nach ihrer Ansicht, die inneren und äußeren Verhältnisse nicht nur regeln, sondern auch beleben. Das Wirtschaftliche, also, abgesehen von äußerst reichen Kulturformen, das Physische im Menschen beherrscht die Politik, hat Völker und Staaten und Könige geschaffen, Kriege gezeitigt, Glauben, Wissen und Kunst als Luxusfrüchte geboren und zu jeder Zeit und überall die Menschen zum Ansturm gegen ihre eigene oder gegen andere organisierte Gesellschaften getrieben. Wohl hat man in Clermont „Dieu le veut“{7} gerufen, als wüste Horden christlicher Barbaren gegen die Kulturformen des Orients loszogen. Aber Gott war da nur ein unbewusster Vorwand; in Wirklichkeit wollten die armen Europäer die reichen Sarazenen ausplündem. Wohl haben die Urchristen gegen das heidnische Rom gestritten, aber nicht weil sie einen „wahreren“ Glauben hatten, sondern weil sie bloße Proletarier gegenüber den Milliardären der kaiserlichen Oligarchie waren. Wohl haben die Muselmänner die halbe Welt erobert, aber nicht aus Fanatismus, sondern weil es reiche Länder zu schröpfen gab. Ebenso war es mit den Ägyptern, als sie die libysche Wüste eroberten, mit den Chinesen, als sie europaweite Steppen und Steinfelder annektierten, mit den Tolteken, den Hunnen, den Mongolen, den Deutschen gegen Napoleon III., und hat nicht sogar der andere Napoleon, als er zum ersten Male das Heer in Italien befehligte, in seinem berühmten Aufruf die demoralisierten Truppen begeistert mit den Worten: „Ihr seid arm, ihr hungert. Ich führe euch in die reichsten Länder Europas. Folgt mir und ihr werdet reich sein!“ Und nun erst in der inneren Politik der Staaten! Die französische Revolution ist die Auflehnung des armen Tiers-Etat, der reicher war als die Cidevants.{8} Die Mongolendynastie in China wurde in einem Bauernaufstand gestürzt: arm gegen reich. Deutschland ist aus wirtschaftlichen Gründen und Instinkten einig geworden; ist nicht sogar der Zollverein vorhergegangen? Verteidigungskrieg der armen Deutschen gegen die reichen Franzosen. Die englische Verfassung ist das Ergebnis des wirtschaftlichen Wachstums der Mittelklassen. Die assyrische ohne Zweifel dasjenige der wirtschaftlichen Ohnmacht aller gegenüber dem einen Sohn des Gottes Assur. Und doch waren die Untertanen der assyrischen Theokraten reich, und die der mittelalterlichen englischen Könige verzweifelt arm ... Wohl wird zugegeben, dass hier und da, bei höheren Kulturformen, auch andere als wirtschaftliche Elemente sich in der Politik zu zeigen scheinen; aber diese stammen selbst nur von wirtschaftlichen. In den primitiven Formen dagegen herrscht das Wirtschaftliche frei und offenbar. {7: „Gott will es“, Aufruf zum ersten Kreuzzug während der Synode von Clermont.} {8: Tiers-Etat: der „dritte Stand“ (freie Bauern und Bürger, nach Klerus und Adel). Ci-devants: die „ehemaligen“, die nach der Revolution ihre Titel und ihren Besitz verloren habenden ehemaligen Adeligen.} Herrliche Illusion! Der Mensch ist leider viel dümmer. Er leidet an dem spezifischen Wahn -- den die Tiere recht komisch finden müssen -- sich um alles mögliche zu kümmern, das ihn nichts angeht, und das Allernotwendigste, die Magenfrage, um eine Entschuldigung für sich selbst vorschützen zu können, so weit zu diskreditieren, dass anständige Leute überhaupt lieber physisch zugrunde gehen, als diesen Verachtungsritus durchbrechen. Es gibt sogar im fortgeschrittenen Paris noch Menschen, die eher auf der Straße vor Hunger umfallen, als vor einem Laden ein gerupftes Huhn aus der Auslage stehlen. Und das ist eine im höchsten Grade politische Frage. Es zeigt, dass der Mensch sehr zu seinem Schaden außerwirtschaftliche Instinkte besitzt, die sogar in den ungünstigsten Verhältnissen die Oberhand behalten. Aber die sind anerzogen! Ja, der Urmensch hat aber auch eine Mutter, die ihm etwas anerzieht, und zwar nicht eben das Kauen, das lernt er ganz von selbst, sondern gerade das Außerwirtschaftliche, vor allem die mütterliche Autorität, die noch fortbesteht, wenn das Kind zur Not schon ohne die Mutter existieren könnte ... Die wirtschaftliche Erklärung der Politik fängt genau am verkehrten Ende an. In Wirklichkeit zeigen sich nicht bei höheren Kulturformen einige nichtwirtschaftliche Elemente: sondern gerade da tritt zuerst in der Politik das wirtschaftliche Wollen der Masse oder der Herrscher auf. Und in den primitiven Formen herrscht nicht das Wirtschaftliche: es ist im Gegenteil gerade dort gänzlich abwesend. In ihnen herrscht, treibt, führt, belebt einzig und allein das Religiöse. »» ~ 4 ~ Das politische Leben irgend eines Volkes zu irgend einer Zeit bleibt überhaupt unverständlich, wenn die schöpferische Rolle des Religiösen in ihren verschiedenen Erscheinungsformen nicht klar geschaut wird. Ja, man kann die Politik sogar nicht einmal anders richtig beschreiben, als mit der Aufzählung aller der kulturfördernden Missetaten, die das Religiöse im Leben der Gesellschaften vollführt hat. Und da diese Missetaten gegen den gesunden Menschenverstand des irrenden Menschen immer ungefähr dieselben gewesen sind, wird es nicht verwunderlich erscheinen, dass es in der Politik, trotz allem, was die Zeitungen täglich schwatzen, seit einigen siebzig Jahrhunderten kaum etwas Neues gegeben hat. Denn der Zusammenbruch von Staaten, der Schwund von Rassen, die Zerstörung von Nationen zählt ja nur für die gerade Beteiligten. Die Kultur ist immer gewachsen, der Mensch innerlich und äußerlich immer reicher geworden. Ohne Überschwemmung kein Löss. »» ~ 5 ~ Die Politik der großen modernen Kulturnationen -- oder vielmehr ihrer Oligarchen -- ist so verwickelt, dass man nur mit geringem Erfolge direkt in den Wirrwarr der in ihr zutage tretenden Dinge hineinleuchten kann. Jedenfalls aber veranlasst schon die oberflächlichste Beobachtung ihres Lebens die wesentliche Frage der Politik: Wie kommt es überhaupt, dass Nationen Zusammenhalten und gerade so handeln, oder für sich von einzelnen Individuen handeln lassen, als wenn sie selbst ein einheitlicher Organismus wären? Im Leben der modernen Nationen geht, wie im Barockstil, alles durcheinander, was in früheren einfacheren gesellschaftlichen Formen noch fein säuberlich geschieden war. Und daher kommt es, dass jeder aus den Motiven des modernen nationalen Lebens gerade das herausfischen und als oberstes Prinzip hinstellen kann, was seinem persönlichen Temperament und dem Grade seiner intellektuellen Entwicklung am besten entspricht. Es hat einmal homogene Stämme oder Rassen gegeben; Rassengefühle bestehen weiter, und wer sie sich gerade recht schön plausibel machen kann, glaubt nicht nur, dass die Nation, zu der er gehört, seine Rasse ist, sondern er handelt auch für sie hauptsächlich aus Rassengefühl.{9} Franzosen, die ein mehr oder weniger altrömisches Profil haben und außerdem eine lateinische Sprache und eine lateinische Gesellschaftsordnung besitzen, halten sich gerne für die Vertreter der „lateinischen Rasse“ und sehen in Frankreich den wahren Erben des römischen Stammes, den es nie gegeben hat, und dabei sind die Auvergner, die Ligurer, die Nordostfranzosen, die Bretonen, von Römern noch verschiedener als die friesischen Blondschädel von den bayerischen Rundköpfen. Deutsche, die gerade blond, langschädelig und mit blauen Augen begabt sind, sehen in ihrer Nation die organisierte germanische Rasse, und was das komischste ist, schwarzhaarige, rundschädelige, braunäugige Abkömmlinge irgend eines fragwürdigen homo alpinus stimmen jubelnd ein. Es gibt sogar Italiener, die an die Einheit ihrer Rasse glauben. Und viele Amerikaner rasieren sich sorgfältig, um die Bartlosigkeit und den Kinntypus der Rothäute sich anzusuggerieren und damit eine Art Rassenrecht auf Amerika zu verdienen! Rassengefühle leben und wirken noch überall. Begnügen wir uns zunächst mit der bloßen Tatsache. {9: Es kann leider auch heute noch nötig sein darauf hinzuweisen dass die Molekulargenetik inzwischen klar bewiesen hat dass es keine menschlichen „Rassen“ gibt. Alexander Ulars Text beweist dass auch schon lange davor das Konzept „Rasse“ als sinnlos zu erkennen war.} Die Sprachgemeinschaft hat noch viel festere gesellschaftliche Bande abgegeben und ist auch viel lebendiger geblieben. Nichts ist verständlicher. Denn sie ist eine wirtschaftliche Macht; sie ist etwas nicht nur zum dauernden Bestande der Gesellschaft, sondern auch zum physischen Wohlsein jedes ihrer Mitglieder individuell Nötiges. Daher kommt es auch, dass die gemeinsame Sprache eigentlich ein negativ wirkendes Element der Nationalseele darstellt. Sie hält nur dadurch die Nation zusammen, dass sie jedes Mitglied von denen anderer Nationen trennt. Sie erschwert den Verkehr von Volk zu Volk, macht ihn oft ganz unmöglich, lässt eines über das andere in Unwissenheit, und hindert auf diese Weise die Geburt des seelischen Dranges, der trotz aller Verschiedenheit seines Ursprungs und seiner Formen jede organisierte Gruppe, jedes Volk, jeden Staat, jede Nation, jede Gesellschaft bildet: das Zusammengehörigkeitsgefühl. Wessen intellektuelle Entwicklung mittelmäßig und wessen Sprachkenntnisse schwach sind, führt daher mit Vorliebe sein Nationalgefühl auf das sichernde Gefühl von der gemeinsamen Sprache zurück. Diese Tendenz ist zuzeiten so allgemein geworden, dass nicht nur unkultivierte Menschenmassen Volk, Nation und Sprache in einen Topf geworfen, sondern sogar Theoretiker im Wahne, die ihnen lieben Nationen vorteilhafter mit zwei als mit einem Bindfaden zusammenhalten zu können, die Sprache mit der Rasse verwechselt, und die gerade existierenden Völker zugleich auf die Gemeinsamkeit des Physischen (Rasse) und des Ideellen (Sprache) hin zu unveränderlicher Individualität gestempelt haben. Der ganze Arierschwindel ist nichts als die Folge solchen allzu mittelmäßigen Verstehens. Es gibt keine arische Rasse, sondern bloß Sprachen, die in gewisser Verwandtschaft zueinander stehen. Dass ein Armenier mit einem Schweden rassisch enger verwandt sein soll, als mit einem Chaldäer, wird nur ein verblödeter Antisemit noch behaupten. Und wenn Littauer, was Böhtlingk{10} übrigens mehr als Witz denn als Wahrheit behauptet hat, fast Sanskrit verstehen, so beweist das gar nichts für die gemeinsame Abstammung der Leute, die indisch und lettisch-littauisch sprechen, sondern es zeigt nur, dass die Sprachen, wie jede andere Sitte, von einem Volk aufs andere übergehen können. Das ganze politische Leben der Menschheit wird falsch verstanden, wenn diese von der Wissenschaft längst gerichtete Identität von Rasse und Sprache aller Wirklichkeit zuwider als Wahrheit hingenommen wird. Aber das hindert natürlich nicht, dass der Glaube an diese Identität als politisches Motiv, als Nationalgefühl überall auftritt, und oft die Handlungsweise ganzer Völker ebenso erfolgreich wie dumm bestimmt. {10: Otto von Böhtlingk (1815--1904), Linguist, Indologe und Sanskritforscher.} „Wen man nicht klassifizieren kann, den sieht man als Turanier an.“ Man hat es dazu gebracht, die verschiedensten Völker in lächerlichem Mischmasch durcheinanderzurühren, bloß weil sie Sprachen reden, die in der Wortbiegung und in der Beobachtung des Gesetzes von der geringsten Anstrengung (Vokalharmonie) einige meistenteils bei den Haaren herbeigezogene Ähnlichkeiten aufwiesen. Es treffen sich da die Tschuktschen mit den Ungarn und die Jakuten mit den berüchtigten Sumeriern, den „vorsemitischen“ Kulturträgern Chaldäas, deren Sprache man noch nicht einmal ordentlich kennt.{11} Und man fragt sich mitleidig, warum diese „zusammengehörigen“ Leute keine große Nation, keinen großen Staat, keine große Politik geschaffen haben. {11: Inzwischen kann die sumerische Keilschrift gelesen werden, wird die sumerische Sprache verstanden, und konnten sumerische Kultur und Geschichte erforscht werden. Sumerisch ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt.} Sicherlich hat es einmal homogene Sprachgruppen gegeben, ebenso wie homogene Rassen existiert haben. Sicherlich ist auch das Sprachgefühl in der politischen Geschichte der Menschheit ebenso mächtig gewesen wie das Rassengefühl. Eines wie das andere leben kräftig fort. Mommsen wollte den Tschechen ihre Quadratschädel zerschlagen -- und kein Mensch würde von Tschechen reden, wenn sie wie die preußischen Slawen, deren Namen auf „ow“ oder „itz“ endigen (Bülow von Dennewitz), ordentlich Deutsch gelernt hätten. Und die Russifizierung der baltischen Provinzen hat sich immer an der Ausdehnung des Gebrauchs der großrussischen Sprache gemessen. Leute, die dieselbe Sprache reden, bilden sich ohne weiteres ein, sie verständen sich. Gleiche Sprache ist ihnen ein Zeichen nationaler, und wenn sie noch dümmer sind, rassischer Zusammengehörigkeit. Wären die amerikanischen Neger, die nur Englisch können, nicht so gräßlich schwarz, man würde sie nicht nur moralisch als gleichberechtigte Bürger der Vereinigten Staaten, sondern als Mitglieder der so sehnsüchtig herbeigewünschten Yankeerasse behandeln. Wo Rassengefühl und Sprachgefühl nicht im allerschreiendsten Gegensatz zueinander stehen, verstärken sie sich gegenseitig zum Nationalgefühl. »» ~ 6 ~ Aber es stecken in dem modernen Nationalbebewusstsein noch viele andere Elemente. Vor allem der „Wille zum Nichtvergessen“, welchen Skeptiker als intellektuelle Faulheit, wohlmeinende Bürger aber als historische Tradition auffassen. Es handelt sich da nicht mehr um das Festhalten an natürlichen Lebenserscheinungen einer Gesellschaft, wie bei der Sprache und der Rasse, sondern um die Beibehaltung der Produkte künstlicher, meistens mit Gewalt aufgezwungener Organisation, nicht um den Schutz völkischer, sondern um den staatlicher Einrichtungen. Woher dieser sonderbare Hang stammt, ist zunächst gleichgültig. Wenn er auch im Allgemeinen sich dem Wohlsein der Gesellschaften verderblich erwiesen hat, so ist es doch sicher, dass er stets gewirkt hat, und heute kräftiger wirkt als jemals. Nehmen wir also die Tatsache des historischen Zusammengehörigkeitsgefühls hin. Denn es ist noch jetzt bewusst bei allen Völkern. Weniger bewusst, anscheinend auch weniger mächtig, aber im Grunde kräftiger und wesentlicher als alle anderen, ist im politischen Leben das religöse Element, welches als gemeinsames Gefühl der Abhängigkeit von einer höheren Macht auftritt und demgemäß einzig und allein die feste Verbindung zwischen dem Volk und seinen Führern herstellt, ohne welche weder politisches Handeln, noch überhaupt eine feste Organisation möglich ist. Man kann füglich über _die_ Art religiösen Nationalgefühls hinweggehen, die nach gewonnener Schlacht Tedeums anstimmt oder Christen gegen Heiden und Protestanten gegen Katholiken aufhetzt. Das sind bloß die rohesten Formen, in denen das Religiöse im politischen Leben auftritt. Es sind allerdings auch die Formen, aus denen sich die feineren, die moralischen Grundlagen nationaler Existenz entwickelt haben, zum Guten wie zum Schlechten, zum Guten durch die innere unpersönliche Auffassung der die Völker leitenden Autorität, zum Schlechten durch die immer gröbere Verdummung der Massen, denen die Unfehlbarkeit der Autorität mit der Zeit zum Dogma wird. Schließlich mischen sich die wirtschaftlichen Instinkte der einzelnen oder ihrer professionellen Gruppen ins Fricassé des modernen Nationalgefühles. Und wenn sich dieses dann politisch betätigt oder passiv sich der politischen Betätigung der Oligarchien nicht widersetzt, so muss das Volk mit dem einen alle anderen Ingredienzien seines politischen Mahles zugleich ausessen. Deswegen ist es so schwierig, das Rezept herauszuschmecken. Aber eins kann festgestellt werden. So sicher wie der Sauerbraten nach Ochsenfleisch schmeckt, so sicher riecht es in der politischen Küche bis in alle Ecken nach Religion. Kaiser, Könige, Zaren, Inkas, Huang Dis, Dalai-Lamas, Pharaone, Päpste und alle anderen Himmelssöhne, Herrscher von Gottes Gnaden, und sogar Republikspräsidenten sind nicht brutale Kriegsmeister oder listige Goldfürsten, sondern sämtlich Hohepriester gewesen. Wappen waren religiöse Embleme, Feudalherren Priester heruntergekommener Götter, Gesetze göttliche Offenbarung, Sitten eingefleischter Ritus. Überall wo man die Entwicklung einer Gesellschaft und ihres Kollektivlebens, ihrer Politik, deutlich von Anfang an verfolgen kann, sieht man, dass außer der Religion überhaupt nichts zu ihrer Organisation beiträgt, und das Wirtschaftliche am allerwenigsten. Wenn ein australischer Stamm überhaupt als solcher existiert, so hat er sein ganzes Kollektivleben in charakteristischer Form einem Totem untergeordnet. Stumpfsinniger Animismus! Wie kann eine ganze Menschengruppe glauben, dass ihr Gründer und Herr das Beutelschwein ist, und ihre ganze Existenz daraufhin einrichten, in Riten fassen, dass die Würde und Macht des heiligen Tieres gebührend respektiert werde! Aber es ist nun einmal so. Der Stamm würde zweifelsohne auseinandersplittern, wenn seine Mitglieder nicht durch die gemeinsamen Lebensregeln solidarisch gemacht wären, diese Lebensregeln, die aus dem Abhängigkeitsgefühl von der höheren Macht des Beutelschweins hervorgehen. Jeder ist mit dem Beutelschwein verwandt; jeder ist Kind Gottes; jeder kann nur dann im Leben fortkommen, wenn er den heiligen Zorn des Erdferkels nicht auf sich zieht; und um diesen Zorn hintanzuhalten, die innige Zusammengehörigkeit des Stammes mit dem Totem zu festigen, sind in den Willen des göttlichen Wombats Gesetze hineingelesen, die als Ritus, als Lebensregel, als Gesellschaftsordnung, als Moral, als Politik in die Erscheinung treten. Nichts ist für das Leben eines Stammes, eines Volkes, einer Nation bedeutungsvoller als die Riten über „rein und unrein“, d.h. über das, was das göttliche Beutelschwein anwidert und ärgert, oder ihm gefällt und es freundlich macht. Denn es betrifft dieses „rein und unrein“ gerade das, wovon die physische Existenz des Volkes in allererster Linie abhängt, die Erhaltung der Individuen und ihre Fortpflanzung. Überall sind die Regeln über das zu Essende und das zu Vermeidende, überall auch die Gesetze der Ehe Tabugesetze gewesen, und alle Tabugesetze mit allen ihren jeder Vernunft, jedem, auch dem primitivsten wirtschaftlichen Sinn hohnsprechenden Folgen, sind aus jenseits von aller Wirklichkeit vollführten Deduktionen hervorgegangen. Die Verbote, gewisse Dinge zu essen, gewisse Gegenstände zu berühren, gewisse Frauen zu heiraten, machen in einfachen Kulturformen gerade ihr spezifisches Merkmal aus. Und was sind diese Verbote? Wie kommen sie zustande? Ihr Objekt wird geheiligt! Ist es etwas, mit dem man fortwährend zusammentrifft, so wird aus der „Heiligkeit“ bald eine Verachtung, die um so stärker wird, je öfter man sich mit dem tabu gewordenen in Acht zu nehmen hat. Und so wird das ganze Leben der Volksmitglieder in gleicher Weise äußerlich und innerlich beinflusst, umgestaltet; wenn sie ganz moralisch leben wollen, tun sie überhaupt nichts mehr als Riten erfüllen, d.h. Regeln, die nicht durch die wirtschaftliche Notwendigkeit gegeben sind; und die Riten, die irgendwie von denen aller anderen Stämme verschieden sind, unterscheiden sie von jenen, machen ihr spezifisch „Nationales“ aus, um schließlich durch den fortwährenden gleichen Druck auf die Seele auch eine spezifische Weltanschauung zu schaffen, oder, wenn man will, eine spezifische Kultur. Wenn ein Volk sich bei der Idee ekelt, etwa Tauben oder Hasen oder Schweine essen zu sollen, verwandte Frauen zu heiraten, oder ohnmächtig Zusehen zu müssen, wie andere sich dem Ritus des Bauchaufschlitzens hingeben, so hat man damit sicherlich eines oder das andere Charakteristische an diesem Volke als solchem gefunden. Man hat einen Teil der Grundlagen seiner gesellschaftlichen Ordnung aufgedeckt und somit einen Winkel seines politischen Lebens erhellt. Alles das soll im Totemismus stecken! Das göttliche Erdferkel soll etwas im politischen Leben aller Zeiten und Völker Wesentliches darstellen? Aber Kulturvölker sind doch über den Totemismus hinausgekommen! Und außerdem haben Wissenschaftler gerade alle diese Taburegeln, die am Anfang gesellschaftlicher Ordnung stehen sollen, als entweder wirtschaftlichen Ursprungs oder als ulkigen Luxus, als Urkunst, als Befriedigung ästhetischer Bedürfnisse nachgewiesen. Was beweist es, wenn die Juden kein Schwein, die Russen keine Taube und keinen Hasen, der sich respektierende Deutsche kein Pferd essen will? Allerdings muss ja eingestanden werden, dass noch heute das jüdische Volk, z.B. in seinen Kolonien in Abessinien, ganz einfach als das kein-Schwein-essen-wollende charakterisiert wird. Allerdings kann man ja eine Parallele ziehen zwischen dem Australier, der sein heiliges Erdferkel{12} nicht essen will, und dem Juden, der das Schwein verschmäht. Aber erstens ist doch das Erdferkel dem Australier heilig und das Schwein dem Juden widerlich, wie das Pferd dem Germanen. Ist das nicht ein Unterschied? Und zweitens, wenn sogar dieser Unterschied nicht wäre, sind denn nicht viel plausiblere Gründe für solche Speiseverbote da, als solcher kindischer Aberglaube von Verwandtschaft mit Tieren, von blödem Animismus? Die Juden haben in heißen Ländern gelebt. Da ist Fett unverdaulich. Schweinefleisch wird ihnen wohl nicht gut bekommen sein, und da haben sie es einfach verboten. In Europa ist doch auch Opium verboten. Und in Italien machen im Sommer alle Schweineschlächter zu. Wenn die Russen keine Hasen essen wollen, so werden sie sie wohl früher nicht vertragen haben. Was die Taube anlangt, so ist sie vielleicht als christliches Symbol unantastbar. Und wenn Kulturmenschen nicht ihre eigene Schwester heiraten, und zwei Brüder nicht zusammen eine Frau nehmen, so ist das einfach nicht mehr als anständig, abgesehen davon, dass der Inzest wahrscheinlich ungesund ist und zur Erhaltung der Rasse nichts taugt ... Jedenfalls existiert Totemismus oder irgend eine andere Form primitiver Religion bei Kulturvölkern nicht mehr, hat also auch mit ihrem politischen Leben nichts zu tun. {12: Das Erdferkel lebt in Afrika, nicht in Australien. Ular verwendet „Erdferkel“ hier irrtümlich anstelle von „Beutelschwein“ bzw. der korrekten Bezeichnung Wombat, was aber nichts an der Argumentation ändert.} So schimpft jeder moderne Mensch, der den gesunden Menschenverstand des zwanzigsten Jahrhunders sein eigen nennt. Aber unrecht hat er doch. Sein gesellschaftlicher Ritus ist bloß komplizierter geworden, aber alles Einfachere steckt noch drin. Wenn man eine russische Dame fragt, warum sie keinen Hasen essen mag, so kann man wörtlich die Antwort hören: „Pfui! Wenn er abgezogen ist, sieht er ja gerade aus wie ein neugeborenes Kind!“ Keinem Europäer wird je dieser Gedanke gekommen sein. Aber, und das ist das Interessante, dieser Gedanke ist schon vom nichtrussischen Ideenkreise berührt und umgeformt worden: er ist „gebildet“. Stellt man einem kleinrussischen Bauern dieselbe Frage, dann kommt die Wahrheit heraus: „Gott soll mich bewahren! Das wäre ja, als wenn ich einen Menschen äße.“ Genau dasselbe sagt der Wombat-Totemist von seinem Erdferkel. Was die Taube bei den Russen anlangt, so kommt ihnen wohl ihr christlich-symbolischer Charakter zum Bewusstsein; aber ist das ein Grund, keine zu essen? Katholiken und Protestanten sind ebenso christlich und essen sie. Die Sache liegt in Wirklichkeit so, dass der Russe nicht die Taube verschmäht weil sie den heiligen Geist symbolisiert, sondern dass er dieses Symbol nachträglich als Erklärung für die Tatsache anführt, dass er keine Taube essen will. Sein Widerwille ist nichts Christliches, es gibt auch nicht einmal eine Kirchenregel darüber; es ist ganz einfach der eingefleischte, Sitte, Moral gewordene Ritus einer totemistischen, längst gründlich umgestalteten politischen Ordnung. Mit dem jüdischen Schwein ist es ebenso. Es wurde nicht von der Jerusalemer Sanitätspolizei verboten, weil es Trichinose verursachen könne, und gesalzener Schinken bei heißem Wetter schlecht schmecke. In Südchina, wo es ebenso heiß ist, verzehrt man mit Wonne, übrigens ausgezeichnete Spanferkel, die man der Länge nach halbiert, jede Hälfte platt schlägt wie ein Brett, und im Backofen in ihrem eigenen Fett bratet. Den Essern bekommt dieses im höchsten Grade empfehlenswerte Gericht nur dann nicht, wenn sie, was allerdings vorkommt, immer noch mehr haben wollen. Der Mann, der die Bücher Mosis zusammengestellt hat, verstand überhaupt weder von Hygiene etwas, noch von Zoologie. In der Liste der verbotenen Braten, die dieser göttliche Gerichtsschreiber in seine Gesetzestafel aufgenommen hat -- das Faktum zeigt schon an und für sich, wie Politik und Religion eins sind -- figuriert nämlich eine ganze Reihe Fleischsorten, die kein Metzger der Welt jemals dem staunenden Bürger feilgeboten hat. Es ist insbesondere von einigen Arten vierfüßiger Vögel die Rede, die eine verzweifelte Ähnlichkeit mit den wundersamen Symbolen assyrischer Königsmacht haben, als Torhüter der chaldäischen Paläste dienen, und über Löwenbeinen einen Stierleib mit Flügeln und einen bärtigen Menschenkopf aufweisen. Ob diese Chimären selbst eine Zusammensetzung aus mehreren Totems besonders mächtiger chaldäischer Stämme sind und so zum Zeichen höchster Macht wurden -- ähnlich wie in Ägypten die Schlange oder der Geier als Totem siegreicher Kleinstaaten zum Wappen des Großkönigtums -- das tut nichts zur Sache. Aber dass solche symbolisierten Tiere überhaupt tabu erklärt wurden, beweist, dass es sich nicht um Verbote physischer Speise handelte, sondern um Scheu vor Verletzung von Mächten, die in diesen Tieren sitzen. Überdies stehen außer den jedem Christen bekannten Tieren in diesem Tabugesetz ganz zufällig allerlei Raubvögel und sonstige wirklich wenig schmackhafte Gerichte, die sonderbarerweise von Ägypten bis Chaldäa unzählige Male als Totems von verschiedenen Völkerschaften auftreten. Man kann also ruhig die Donnerkeile der Bibelgläubigen auf sich niedersausen lassen und die jüdische verbotene Speisekarte geradezu als eine Liste der zur Zeit ihrer Abfassung noch politischen Wert besitzenden und mehr oder weniger bewusst gebliebenen Totems ansehen, mitsamt dem Schweine. Das den Germanen „heilige“, d.h. als Totem betrachtete Pferd ist auch noch jetzt tabu. Wenn manche trotzdem davon essen, so möchte man die Gegner sozialer Reformen daran erinnern, dass, wenn sie weiterherrschen wollen, dem Volke die Religion erhalten bleiben muss, -- auch die des Pferdetotems. Denn wenn dieses verschwindet, geht auch etwas von dem, wie man sehen wird, immer noch herrschenden politischen Prinzip zugrunde, nämlich ein unvernünftiger, moralischer Instinkt gewordener Ritus. Jeder aus Überlegung oder Not verlorene Ekel ist ein Stein weniger in der Mauer des Glaubens an Autorität. Wer sich nicht mehr als Germane ekelt, Pferdefleisch zu essen, hat mit einem unbewussten, „zur zweiten Natur gewordenen“ und gerade deswegen um so mächtigeren Autoritätsprinzip gebrochen. Er wird sich von bewusst gebliebenen, die er auch logisch angreifen kann, mit viel weniger Mühe befreien. Psychologisch genommen, und so albern es scheint, sind in Deutschland Pferdefleischesser angehende Sozialisten. Engländer, die in vieler Hinsicht germanische Autoritätsformen fester gehalten haben als Deutsche, hängen noch so sehr am Pferdetabu, dass einige Zeitungen einen geradezu religiösen Hass gegen die Deutschen dadurch entfesseln konnten, dass sie den Pferdefleischgenuss als in Deutschland allgemein darstellten, wobei noch mit gebührender Schärfe die moralische Schwäche der Deutschen gerügt wurde, die nicht lieber Hunger leiden wollen, als den „natürlichen Ekel“ über Bord werfen, der bloß ein jahrtausendealter totemistischer Rest ist. Die Kulturvölker sind über den stumpfsinnigen Animismus hinaus? Sie treiben Nationalpolitik? Ja, wenn nur nicht die Nationen selbst und jedes einzelne ihrer traditionellen politischen Organe auf animistischem Boden gewachsen wären und weiter wüchsen! »» ~ 7 ~ Der australische Stamm mit der Erdferkelreligion, der Erdferkelsitte, dem Erdferkelgesetz, der Erdferkelpolitik, dem Erdferkelleben findet sich ja ganz genau z.B. in der mittelalterlichen Christenheit mit ihrem absoluten Papsttum wieder, also in einem politischen Milieu, das sich, allerdings mit Unrecht, für das entwickeltste seiner Zeit gehalten hat. Man setze nur das Wort „christlich“ an die Stelle des Wombats, und man wird sehen, dass der Fortschritt, psychologisch genommen, ganz minimal ist. Der christliche Gott des Mittelalters ist eigentlich nur ein ins Ungeheure gewachsenes und damit immer verschwommener erscheinendes Totem. Der Christ ist sein Kind, wie der Australier das des Beutelschweins. Insofern die Christenheit des Mittelalters sich viel stärker nach ihrer Religion, als nach ihren staatlichen Organisationen zusammengehörig fühlte, war ihr inneres und äußeres politisches Leben nicht nach anderen Prinzipien geregelt als das des Australierstammes. Und _dass_ diese Christenheit _eine_ große politische Organisation bildete oder jedenfalls bilden wollte, beweisen die Kreuzzüge, die Bannstrahlen der Päpste gegen Kaiser und Könige, kurz die ganze politische Geschichte jener Zeit. Und das Spezifische an der Christengruppe war sicher nicht die Rasse, denn es gingen in ihr Dutzende durcheinander; es war auch nicht die Sprache, denn die Kirchensprache war die keines christlichen Volkes; noch weniger waren es gemeinsame, wirtschaftliche Interessen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl aller derer, die zuzeiten geradezu eine politische Einheit der Christenheit gemacht haben, ging einzig und allein aus der Gemeinsamkeit des Ritus hervor, aus der für alle gleichen „schlechthinnigen Abhängigkeit“ von einer höheren Macht, die auf Erden im Papste einen Stellvertreter hatte, der wusste, wie man sich mit dieser Macht freundschaftlich stellt. Dies gemeinsame Abhängigkeitsgefühl erwies sich in den von allen befolgten Regeln zur Gott gefälligen Lebensweise. Das ganze christliche Leben war Ritus mit allen seinen Tabugesetzen, Moralprinzipien und Zeremonien, die nur zum geringsten Teile praktischen Wert hatten. Und wenn die Christen unter dem Papst, wenn man so sagen darf, eine internationale Nation gebildet haben, so war deren einziges Band die gleiche wesentlich religiöse Lebensauffassung von der Taufe bis zur Absolution im Tode und noch darüber hinaus zur Hölle und zum Fegefeuer. Und mit dem Leben jedes einzelnen war auch das der Gesellschaft religiös, sowohl in seiner inneren Ausgestaltung -- die Kultur des Mittelalters ist totemistisch -- als auch in seinen Maßnahmen zur Selbsterhaltung: die innere und äußere Politik des christlichen Mittelalters fußte auf dem Boden der Erhaltung und Ausbreitung des christlichen Ritus. Aber trieb der Papst nicht weltliche Politik, wie jeder Kaiser, König oder Sultan? Verfängliche Frage! Denn die Antwort gibt Aufschluss über das Sein und die Triebfedern aller bis jetzt wirklich gewordenen Politik. Wenn es nämlich wahr ist, dass von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag und überall, wo Menschenherden dauernd zusammengewohnt haben, kein Volk die Verteidigung einer Zusammengehörigkeit, welcher Art sie auch sei, aus sich selbst heraus betrieben hat, sondern bloß unter der zwingenden Führung herrschender Individuen oder Minoritäten; wenn es wahr ist, dass eigentlich weder die innere noch die auswärtige Politik irgend eines Staates bis jetzt das Werk der Gesellschaft selbst, sondern das von Monarchen oder Oligarchien gewesen ist, dann muss die Frage nach dem Wesen und dem Handeln der Monarchie und der Oligarchie mit der nach dem Wesen und den Erscheinungsformen der Politik zusammenfallen. Und so ist es. Obschon es sowohl in den modernen großen Nationen, wie auch in vielen alten großen und kleinen Staaten massenhaft Bürger gegeben hat, die sich ihres Rechtes, die Politik ihres Gemeinwesens gemeinsam zu leiten, sehr wohl bewusst waren, ist noch niemals ein lebensfähiger selbständiger politischer Organismus zustande gekommen, in dem dieses Recht sich praktisch betätigt hätte. Das ist das Rätselhafteste in der politischen Geschichte der Menschheit. Die allermeisten politischen Organismen sind rein monarchisch, despotisch gewesen, und sind es fast noch. Man kann diejenigen, über deren monarchische oder oligarchische Leitung man im Zweifel sein könnte, an den Fingern herzählen. Das alte Polen nannte sich eine Republik, und war doch eine Despotie, sovielmal schlimmer als eine Monarchie, als ihr grundbesitzender Adel Familien zählte. Mit Venedig und den anderen italienischen Republiken war es ähnlich; die besten retteten sich, indem sie, wie Florenz, zur Monarchie wurden. Gerade so ging es mit Rom. Vom Königtum fiel es in die Oligarchie des Geburtsadels, von dieser mit der Zeit in die des Geldadels; und als mit der Eroberung aller politischen Rechte durch die Proletarier eine demokratische Politik logisch möglich geworden war, wurde das Reich nach fürchterlichen Umwälzungen zwischen Militärdiktatur und Pöbeldiktatur wieder zur Monarchie. Von den griechischen Republiken mit ihren kleinen Bürger- und riesigen Sklavenkasten ist nur zu sagen, dass sie sämtlich reine Oligarchien gewesen sind, und noch dazu mit monarchischen oder diktatorialen Intermezzi, die den Höhepunkten ihrer Entwicklung verzweifelt nahe stehen. Karthago war, wie Hamburg und Bremen, eine Geldoligarchie. Und wie steht es mit den modernen Großstaaten? Sie haben mit der relativ neuen Erfindung der abgeschwächten Monarchie, und mit der noch neueren Erfindung der Republik mit monarchischem Habitus, nichts gewonnen und nichts verloren. England ist zwar eine Monarchie, deren Führer viel weniger Despot sein kann als der Präsident der französischen Republik oder gar der Terminmonarch der Vereinigten Staaten; aber das Wesentliche liegt nicht in der Funktion, sondern in der Möglichkeit der Weiterexistenz des Monarchen; diese, d.h. der Loyalismus des Volkes ist, so sonderbar es scheinen mag, politisch viel wichtiger, denn er setzt einen gewissen Nationalsinn voraus, der für die monarchische Ordnung charakteristisch ist und sich auch bei Abwesenheit eines handelnden Monarchen so betätigt, als wenn das Prinzip der Regierungsautorität in einem Individuum verkörpert wäre. In allen Staaten wird zumindest die auswärtige Politik noch rein monarchisch betrieben. Und was die innere anlangt, so tritt überall, wo der Wille des oder der Herrschenden nicht unmittelbar ausschlaggebend ist, wie in Deutschland, Frankreich, Italien, der Zwang der großartigen Überzeugungsmittel, mit der sie das Volk bearbeiten können, mit großem Erfolge in die Erscheinung. Die politische Welt ist und war monarchisch oder oligarchisch. Wie kommt sie dazu? Wie lassen sich die Völker das gefallen? Wie treiben die Völker diese Entsagungs- und die Herrscher diese Zwangspolitik? Nein, der mittelalterliche Papst hat nicht, wie übrigens auch sein Kollege in Lhasa, der Dalai-Lama, gleich Kaisern, Königen und Sultanen weltliche Politik getrieben. Umgekehrt, alle Herrscher und alle Oligarchien haben Papstpolitik getrieben; zuerst bewusst; dann, mit der Gewohnheit haben sie es, wie ihre Untertanen, vergessen, und der Zustand hat sich wie andere Geisteskrankheiten fortvererbt, als schon der religiöse Charakter der politischen Organisation im Nebel des Instinktgewordenen zerflossen war. Der Typus Papst ist der Grundtypus aller politischen Herren; der Typus der Religionsgemeinschaft ist der Grundtypus aller politisch organisierten Menschenherden. »» ~ 8 ~ Wie der Priester zum Papst, der Papst zum Monarchen, der Monarch zum machthungrigen Menschen wird, das ist die ganze politische Geschichte der Staaten. Wie der Gläubige Herden von „Auserwählten Gottes“ bildet, vom Kinde Gottes Soldat des Papstes, dann Untertan des Monarchen, und schließlich Machtmittel und Machtobjekt des herrschenden Menschen wird, das ist die ganze politische Geschichte der Völker. Wie sich diese beiden Entwicklungen gerade durchkreuzen, das ist die Politik selbst bis jetzt immer gewesen. Und da jede weitere Entwicklungsstufe alle früheren in sich schließt, oder vielmehr jede neue eigentlich bloß eine über das Alte gedeckte, dünne poröse Schicht ist, in die das Alte sich fest einsaugt, um sie festzuhalten, so ist es weder traurig noch verwunderlich, dass die Politik nach ihren Zielen und Motiven immer dieselbe geblieben ist, und nur durch die äußeren, die wirtschaftlichen Umstände, in denen sie wirkt, verschiedene Färbungen gewinnt. Alle Monarchen sind Päpste, alle Staaten werden von Religionsgemeinschaften bewohnt? Der russische Zar ist noch heute offiziell orthodoxer Papst, und seine politische Macht beruht, soweit sie überhaupt noch existiert, auf der religiösen Untertänigkeit der Massen. Davon ist jeder Europäer überzeugt. Aber Russland ist auch ein zurückgebliebener Staat. In Deutschland und England liegt aber doch die Sache anders. Wohl sind der preußische und der englische König die obersten Herren der Staatskirche, aber das sind doch nur historische Reminiszenzen! Der chinesische Kaiser heißt wohl Tien-tse, Sohn des Himmels, aber er hat ja nicht einmal politische, geschweige denn religiöse Macht, so dass sogar sein weltlicher Titel Huang Di, Herr des Gelben (Lössbodens) nur noch traditionellen Wert hat! Jawohl; wenn aber überhaupt Nationen, seien sie englisch, deutsch, chinesisch, oder sogar amerikanisch, existieren, so tun sie es gerade dank ihrer Traditionen, dank all dem, was sich im Laufe der Zeit im wirtschaftlichen, im seelischen und ganz besonders im politischen Leben übereinandergeschichtet hat; und wenn die wirtschaftlichen, seelischen und politischen Einrichtungen, die gerade bestehen, nicht alltäglich ihre traditionellen Wurzeln aufdecken, und sich die oberflächlich denkende Menge sogar fortwährend neue Gründe für die Ausgezeichnetheit des Bestehenden zurecht legt, so ist es doch nicht weniger wahr, dass nicht diese Menge mit ihrem Denken das nationale Leben wie es ist, schafft, sondern sich umgekehrt das nationale Leben, wie es sich unabhängig vom bewussten Wollen geformt hat, in ihr Denken einnistet. Die ganze moderne Politik, sowohl wie sie von Herrschern als auch wie sie von Völkern getrieben wird, ist der Ausdruck von mehr oder weniger unbewusst gewordenen Traditionen, mit Ausnahme höchstens der rein wirtschaftlichen, aber eben deshalb nicht mehr nationalen Bestrebungen ihres Elends bewusst gewordener Individuen. Diese Traditionen sehen wohl auf den ersten Blick recht verschieden aus; manche scheinen an der Rasse zu hängen, andere an der Sprache, noch andere an der sogenannten Staatsentwicklung, die heute kräftigsten an der spezifischen Kultur der Nation, die nichts als die zur Einheit verschmolzenen einfacheren Elemente des Zusammengehörigkeitsgefühls darstellt. Aber alle diese Traditionen, von denen die meisten nachträglich wiederausgegraben sind, als die stärkste, die wesentliche, schwächer geworden ist, sind geschichtlich und psychologisch eins: sie sind Zweige der religiösen Tradition. Und wenn die Politik wirklich immer mit dem Werkzeug der Monarchie gewirtschaftet hat, so ist Politik überhaupt bloß eine hypokritische Religion. Denn alle Monarchen sind Hohepriester gewesen; und alle Völker, alle beherrschten Gesellschaften (es gibt keine anderen) haben ihnen aus religiösem Abhängigkeitsgefühl gehorcht. »» ~ 9 ~ Die Geschichte und die Sprachentwicklung beweisen es. Aber muss es denn bewiesen werden? Was hat das mit unserem politischen Leben, mit der Zukunft unserer Staaten, unserer Reiche, unserer Nationen, unserer Kulturen zu tun, die allein uns interessiert? Äußerlich nichts. Aber sie hängt ganz und gar innerlich davon ab; weil sie je weiter die Zeit fortschreitet, um so unmittelbarer vom Psychischen in den Völkern abhängt, und weil dieses Psychische, wie es gegenwärtig ist, bloß die Übereinanderschichtung aller gewesenen Lebensauffassungen ist, die religiöser Natur waren. Die alltägliche Politik unserer Zeit gehört einem Typus an, der nur dank der Geologie ihres Bodens zu verstehen ist. Verstehen wir ihn erst, um seine Handlungen kühlen Auges betrachten zu können. Die Herrschertitel sind ohne Zweifel in dieser Hinsicht von einigem Wert, denn sie zeigen den Sinn der Herrschaft an. Einige, besonders germanische, wie König und Herzog, sind jedenfalls militärische Titel, die aber natürlicherweise erst aufkommen konnten, als es schon feste politische Organisationen gab, die Kriege führen konnten. Sie beweisen wenig. Ebenso ist es mit rex. Aber wie steht es mit Kaiser, Zar und allen anderen Ableitungen von Caesar? Sie sind Erinnerungen an den römischen Diktator. Aber was bedeutet Caesar? Es war kein Familien-, sondern ein Beiname wie Cicero, der Erbsenmann. Hinge es mit caesius zusammen, so hieße es der Blauäugige. Die Familie Dschingis Khans, am anderen Ende der Welt, hatte diesen Beinamen, und das bewiese -- eine Sache, die man wie weiterhin sehen wird, von allergrößter politischer Bedeutung wäre -- dass der betreffende physisch nicht zum Gros des Volkes gehörte, das er beherrschte. Oder es hat mit caedo zu tun; und dann bedeutet es den Priester, der die Opfertiere schlachtet. Sicher sagt das nichts über die Art seiner Herrschaft aus; ebensowenig wie Buonaparte über Napoleons Regierungsprinzip. Aber das Sonderbare ist, dass der Titel Kaiser im Orient schon zur Zeit Caesars nichts Unbekanntes war und einen großmächtigen Herrscher bedeutete. Und das ist sicher nicht für den Erfolg des Namens unwesentlich. Dieser orientalische Kaisar findet sich schon im Avesta, dem heiligen Buch der ältesten Iranier. Und die Ähnlichkeit mit Caesar geht so weit, dass manche Gelehrte angenommen haben, das Avesta oder jedenfalls die betreffende Stelle wäre erst nach Caesar geschrieben, der dort also als Heros figurierte. Aber der baktrische Kaisar ist nicht aus Rom, sondern aus Hinterasien gekommen, wo er der Held eines uralten Sonnenmythus ist; er ist der Siegfried der Tibetaner, Kjegser, Kaiszer oder Gesser, und sein Name bedeutet „der Sich-Wiedergebärende“, der Frühling. Er war ein Gott, der alljährlich gegen den Schneekönig zu Felde zog und somit die Menschheit rettete. _Dieser_ Kaiser ist jedenfalls ein religiöses Element. Andere Titel, wie Kalif al Musmeinin, Dalai-Lama, Tien-tse sind ebenso offenbar Papsttitel wie der der jüdischen „Richter“ oder der japanische Tenno, der Himmlische. Aber ist es nicht überaus charakteristisch, dass der semitische Opferpriester Kohen seinen Titel für die meisten asiatischen Könige abgegeben hat? Chaghan, Khan, nannten und nennen sich unzählige Fürsten, die übrigens sämtlich auch politisch Papstcharakter tragen. Nur Dschingis Khan, ein reiner Politiker, der die Religionen als Machtmittel benutzte, alle gleich höflich und verächtlich behandelte und selbst wahrscheinlich Atheist war, hat sich diesen Titel ohne seine Funktion beilegen lassen. Und zwar auch nur, um dem religiösen Bedürfnisse seiner unzähligen Untertanen zu genügen. Dschingis Khan bedeutet nämlich nicht der „unerschütterliche Herrscher“, wie manche glauben, sondern „Papst“, denn es ist die alttürkische Übersetzung des tibetischen Gyamtso-Blama, was auf mongolisch Dalai-Lama, und auf deutsch der „Priester groß wie das Weltmeer“ bedeutet. Der große, von seinen bezwungenen Gegnern schauderhaft verunglimpfte Mongolenkaiser mit dem Papsttitel ist, übrigens ebenso wie das bei seiner Geburt kaum existierende und dann zur Weltmacht gewordene Volk, ebenso auch wie seine nach kurzer Herrlichkeit zugrunde gegangene, aber von einigen Menschen allerhöchster Art getragene Dynastie, eine wunderbare Verkörperung politischer Entwicklung, die sonst erst in mehreren Jahrhunderten zum Abschluss zu gelangen pflegt. Seine Politik ist eine wahre Sturmflut von Macht. Seine Gesetzgebung und seine Diplomatie sind Meisterwerke aus dem Nichts. Aber seine und seines Volkes Triebfedern, die Art seiner Politik, ist in größter Reinheit, geradezu symbolisch, dieselbe, die noch heute alle Großmächte zusammenhält und erweitert. Dschingis Khan ist nämlich geradezu die Inkarnation des echten, wahren, absoluten Imperialismus, der äußerlich aus wirtschaftlichen Motiven, aber in Wirklichkeit aus bloßem Machtinstinkt heraus handelt. Und zwar ist Dschingis Khans Politik um so interessanter, als ihm in keiner Weise, wie Herrn Joe Chamberlain, wie Nikolaus II. in Ostasien, wie der amerikanischen Milliardäroligarchie, die riesigen Machtmittel organisierter Staaten, und vor allen Dingen eine Nation zur Verfügung stand, die sich mit dem Herrscher so zusammengehörig fühlt, oder was den Gipfel darstellt, sich so fest einbildet, der Herrscher sei ihr eigenes Organ, dass ihr die erweiterte Macht des Herrschers als größere Macht des Volkes erscheint, und sie weder durch Zwang noch durch Verführung zum begeisterten Kampf für die Weltpolitik angestachelt zu werden braucht. Sicher besteht zwischen der modernen, z.B. der deutschen Weltpolitik, und der mongolischen ein weiter Unterschied, zum mindesten in den Mitteln, durch die sie sich betätigt. Nikolaus II., obwohl er gerade wie der große Mongole die Mandschurei erobern und sich am großen Ozean festsetzen wollte, ist kein Dschingis Khan; und sogar die Zerstörung Transvaals ist etwas anders vor sich gegangen als die Eroberung der zentralasiatischen mohammedanischen Reiche durch die Mongolen. Aber wenn man verfolgt, wie in der Machtflut der Mongolendynastie zunächst das Wirtschaftliche als treibendes Element vorgeschoben wird, dann das religiöse Autoritätsprinzip mit dem festen Staate zugleich auftritt, um das politische Riesenreich zu stützen, wie weiter das Reich zerfällt, weil dies Autoritätsprinzip nicht fest genug war, um allen Untertanen ihre Zusammengehörigkeit weis zu machen, und nun die wirtschaftlichen Interessen aller zusammengeschweißten Gesellschaften in zentrifugalem Drange den Rahmen des Machtkreises durchbrachen, dann kann man sagen, so ist es mit jeder Welthegemonie gegangen, und alles ist schon einmal dagewesen. Aber das Prototypische im Epos der Dschingiskhaniden ist die _Formung_ einer Nation, die dann Weltpolitik treiben sollte. Die Familie der Blauäugigen, aus denen Temüdschin{13}, der spätere Weltherrscher hervorging, gehörte, wie ihr Name sagt, sicher nicht zu der Rasse, in deren Mitte sie lebte, denn alle Mongolen sind schwarzäugig. (Man wird später sehen, was dieser Rassenunterschied für einen Wert hat.) Sie herrschte nur über einen winzigen Burjatenstamm, der seine Pferde an den Ufern des Onon grasen ließ. Die Familie scheint unter dem Zeichen des Falken gestanden zu haben. Aber man kann den Ursprung ihrer Herrscherstellung in ihrem Stamme außer acht lassen. Welche Politik hat -- das ist das Wichtige -- Temüdschin, oder vielmehr im Anfang seine Mutter, eine großartige Frau, befolgt, um aus diesem winzigen, kraftlosen Stamm eine Nation zu bauen? Hat er einfach mehr Pferde besitzen wollen? Hat er aus wirtschaftlichem Motive gehandelt? Alle Berichte, die wir über den Anfang seines unerhörten Lebenslaufes besitzen, reden von dem Eifer, mit dem seine Leute Pferde geraubt und den Raub mit Waffengewalt verteidigt haben. Aber wenn seine Leute Pferde haben wollten, so besagt das nicht, dass er um Pferde Krieg geführt hat. Er wollte Menschen, Macht. Und er hat seine Leute seinen Machtplänen gefügig gemacht, sie für seine Macht kämpfen lassen, indem er _ihnen_ wirtschaftlichen Vorteil versprach; _er_ hatte keine Pferde nötig. Aber dann kommt das Wunderbare. Als er nach langen, wechselvollen Kämpfen anstatt über einen über vier Stämme herrschte, da war es nicht mehr die Erlaubnis zum Plündern, die seine Untertanen an ihn fesselte, sondern seine Persönlichkeit. Die Menge schrieb ihre Bereicherung nicht mehr sich selbst, sondern den übermenschlichen Fähigkeiten des Khans zu. Zahlreiche, von ihm ganz unabhängige Stämme wollten ihn zum Oberherrn haben, weil wie eine alte Chronik sagt, „ein Führer nötig ist, und der mächtigste dem Volk am meisten Glück bringt“. Von diesem Augenblicke an gab es ein mongolisches Volk. Seine Mitglieder glaubten vielleicht, sie würden wirtschaftlich glücklicher werden. Aber in Wirklichkeit lag ihr Glück nicht im größeren Reichtum, im leichteren Leben -- denn dieses ward ihnen nicht zuteil, sondern in dem Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem großen Menschen, in der Begeisterung für seine Unternehmungen. Sie folgten ihm durch dick und dünn. Niemals hätten ohne den großen Herrscher die Mongolen irgend eine Rolle im Leben der Menschheit gespielt. Ihre lange Vorgeschichte lehrt ja, dass sie nicht zusammengehörten. Sie wurden eine Einheit nur durch die gemeinsame Hingabe an die im Khan verkörperte Macht, an der jeder Anteil zu haben glaubte. Und dieses Nationalgefühl war religiöser Natur. Dschingis Khan war kein Priester einer bestehenden Religion. Er war bloß dynamisch ein menschlicher Riese. Das wusste auch sein Volk. Aber es konnte sich damit nicht zufrieden geben. Ein Mensch konnte nicht eine solche Größe des Willens und Könnens entfalten. Sie fühlten sich nun einmal untertan, „schlechthin abhängig“; waren weiches Wachs in seiner Hand. Um sich überhaupt mit der Wirklichkeit, mit dem Riesenwerk dieses einen Menschen auseinanderzusetzen, fanden sie keinen anderen Ausweg als eine religiöse Erklärung. Sie schufen eine Dschingis-Khan-Religion: sie erfanden eine fromme Legende; Aluna, die Urahne des Herrschers, war von einem weißen vom Himmel niederhängenden Glanze, der sich zum Genius in Menschengestalt verdichtete, befruchtet worden; Dschingis Khan wurde Sohn des Himmels, Sohn der Sonne, Sohn des Lichts. Das erklärte alles! Nichts war natürlicher, als dass alle Menschen gemeinsam die Macht des vom Lichte Geborenen anerkannten und in ihrer Anhänglichkeit an diesen Übermenschen ihr Glück fanden. Nichts auch war natürlicher als der Wille dieses Gottessohns, seine Macht, wie der Himmel selbst, bis an die Grenzen der Welt auszudehnen. Was ihm folgte, folgte dem Übermenschlichen, von dem alles Leben, alles Glück des Menschen abhängt ... So, und nur so -- weil die Grundlagen seiner Macht zum religiösen Prinzip wurden, während er selbst vom Herrscher zum Abkömmling des lebenspendenden Göttlichen aufstieg -- gewann Dschingis Khan aus dem zusammengewürfelten Chaos feindlicher Stämme eine wirkliche Nation, fester gefügt, patriotischer, begeisterter, fanatischer als die Nation der Kalifen, geschweige denn der Päpste oder gar der Kaiser jener und unserer Zeit. Und nun konnte er handeln, als wenn, wie bei ägyptischen Pharaonen, jahrtausendelange Gewohnheit an den Papstcharakter des Herrschers, das Volk zum willenlosen Werkzeug, zum Spielzeug, zum Sportgerät des Einen geworden wäre, mit dessen Betätigung es sich identifiziert, des Einen, dessen Geist sozusagen in jeden einzelnen Untertanen gefahren war, um ihn für das Wollen des Monarchen zu begeistern. Dschingis Khan war nicht mehr Diktator oder General, sondern Nationalkaiser, der den Kultus des Volkes annehmen musste, um ihn auf das in der Nation lebendig gewordene Ideale zu übertragen. In neueren Zeiten nannte man dies Von-Gottes-Gnadentum. Und Dschingis Khan -- der Mann war wirklich unzeitgemäß -- verstand dies. Bei Beginn des ersten _National_krieges, den er führte, gegen die Naimanen, als er schon zwanzig Jahre geherrscht hatte, vollführte er zum ersten Male -- sogar die chinesische Chronik betont es -- den Ritus, den sein Volk für ihn in dumpfem Ahnen erdacht hatte und der seiner Macht die religiöse, die einzige wirkliche Weihe gab. Im fahlen Schein des Morgengrauens trat er vor seine Jurte aus kostbarem weißen Filz und löste im Tale vor den Augen des unzähligen Volkes seinen Gürtel, legte seine Waffen zu Boden, warf den Gürtel über die linke Schulter zum Zeichen, dass nicht der Gebrauch der Waffen seine Macht begründete, und schritt einsam über das Volk hinauf den westlichen Hang des Berges mit Würde hinan, bis zum First. Dort wartete er still. Und als die Sonne, von der er, wie das Volk wollte, seine Größe und seine Macht als Erbe empfangen, im Osten emporstieg, da sah die erschütterte Menge im Tale den Herrscher allein vom goldenen Lichte des Himmels umstrahlt. Neunmal -- heilige Zahl übererbten Volksglaubens -- beugte sich der Große vor dem Gestirn, grüßte den Ahnen und hörte ihn an. Dann stieg er zum Volke hinab. Er war Hoherpriester seiner Nation. -- Was Wunder, dass er seitdem unbesiegbar blieb! Und doch war er mit seinem wundervollen Zeitgenossen Friedrich dem Zweiten der irdischste Mensch seiner Ära. Er wusste, dass dem Volke, wenn es begeistert für seinen Herrscher leben und sterben, seine Macht, die es kaum glücklicher macht, vergrößern soll, die Religion erhalten bleiben muss. Als er seine großartigen Eroberungen nach Westen zu Ende geführt und jenes unbegreifliche strategische Meisterwerk vollendet hatte, drei Heere, von Tausenden von Kilometern getrennt, ohne Landkarte, am selben Tage am selben unbekannten Orte Russlands zusammenstoßen zu lassen; als er nach mysteriösen Verhandlungen mit dem gleich ihm allzu zukünftigen Friedrich II. seinen Siegeszug vor Ungarn unterbrochen hatte und sein Riesenreich vom schwarzen bis zum gelben Meere mit politischen Gesetzen begabte, begriff er, dass seine Macht bei den unterworfenen Völkern, ebenso wie bei dem Kernvolk des Reiches, nur durch seine Priestermacht befestigt werden konnte. Sein Sonnenpapsttum genügte nicht mehr. Nestorianische Christen, Mohammedaner, Buddhisten, Konfutsisten und Juden bewohnten seine Lander zu Millionen. Er musste Großpriester jeder Religionsform sein. Mit seinen nordasiatischen Schamanisten trieb er Magie und befragte das Orakel der Risse ins Feuer geworfener Schulterblätter von Schafen. Sonntags ging er zur Messe, kommunizierte mit Wein und diskutierte mit christlichen Priestern. Am Sabbat ging er zur Judenschule und zeigte sich als Kahn, als Kohen. Am Freitag hielt er eine Art Selamlik und war ein ebenso guter Kalif wie später der Türke in Konstantinopel. Mit Vorliebe war er Buddhist; er führte mit Lamas religiöse Gespräche, berief sogar den Großlama von Ssatya zu sich und ging, da er den Kern seines Reiches auf buddhistisches Gebiet, nach Nordchina, verschieben wollte, mit dem politisch großartigen Plane um, den Buddhismus zur Staatsreligion zu erheben; er ließ auf Grund der tibetischen eine mongolische Schrift erfinden und Teile des Kandschur seinem Stammvolke zugänglich machen. Er, der wahrscheinlich an nichts glaubte als an sich selbst, begrifif die Notwendigkeit, das Zusammenleben seiner Untertanen auf religiöse Grundlagen zu stellen! Er war nicht der blutrünstige Eroberer, der von den Schriftstellern seiner Besiegten mit Fluch beladen wurde. Er war vor allem, wie Napoleon, ein Politiker allererster Größe. Sein großes Gesetzbuch, das Jassa, ist leider verloren gegangen. Die wenigen Stellen, die von fremden Chroniken angeführt sind, zeigen aber schon, dass er im Organisieren ebenso groß war, wie im Zerstören. Und muss man nicht, um zu zerstören, schon seine Machtmittel organisieren? Wenn, was ungefähr sicher ist, die innere Politik seines herrlichen Enkels Kublai die Anwendung des verlorenen Jassa war, dann muss man wohl oder übel Dschingis Khan seines Mantels von Entsetzen entkleiden und ihn als einen der tiefsten politischen Denker aller Zeiten hinstellen. Sein Riesenwille und sein Riesengeist dürfen dann auch in den Filzzelten der Mongolen und den Steinhütten der Tibeter noch heute als Attribute eines Übermenschen, eines Gottes, weiterleben. {13: Der Geburtsname von Dschingis-Khan.} »» ~ 10 ~ Ist es möglich, überhaupt durch Abstraktion das Werden und Wesen der Politik ergreifender darzutun, als durch den Kometenlauf dieses Herrschers, der, unerhörtes Wunder, aus nicht einmal sesshaften Stämmen eine Nation schmiedete, diese als Schwert über die Welt schwang, die größte Macht, die je ein Einzelner besessen hat, gewann, und auf der ganzen Höhe seiner Größe sterbend sagen durfte: „Ich habe die Erde überflutet; nichts kann mehr geschehen als durch mich.“ Denn er hat dem Leben der Menschheit von China bis Paris, von Kiew bis Indien, von Rom bis Mekka einen ungeheuren Anstoß gegeben. Ohne ihn wären keine Osmanli nach Kleinasien gekommen; ohne ihn wäre Byzanz nicht gestürzt; ohne ihn wäre keine Renaissance, keine Reformation gekommen, kein russisches Zarentum geboren, ja vielleicht, bei der Allmacht der römischen Theokratie, Amerika nicht entdeckt. Und er selbst ward groß durch das religiöse Wollen seiner ersten Untertanen ... Als dieses zugrunde ging, fiel auch seine Dynastie. Es ist nicht wunderbar, dass sein Riesenreich bei seinem Tode noch zusammenhielt; denn es dehnte sich noch aus. Bloß Staaten, die zusammenschrumpfen, zerfallen. In ihnen ist nämlich der Glaube an das außermenschliche zusammenhaltende Prinzip, dem Allmacht gehört, zu Tode getroffen; und Umwälzungen stehen bevor. Dschingis Khan war ja selbst Gott -- oder bei vielen Feinden Gottesgeißel oder Teufel, was ebensoviel taugt. Seine Nachfolger hatten es schwerer. Sie waren nicht persönlich eine annehmbare Religion. Sie mussten sich mit anderen, festeren, identifizieren. Kublai, der das Genie seines Großvaters in erweiterter Form geerbt, aber unter dem Einfluss seiner auf der Höhe chinesischer Kultur stehenden Bildung dessen ungestüme Willenserscheinungen nicht mehr zeigte, zog diesen Schluss mit aller Schärfe aus den Ereignissen, die mit Dschingis Khans Verschwinden eingetreten waren. Das religiöse Prinzip, auf dem des großen Herrschers Macht beruhte, war den unterworfenen Völkern fremd geblieben. Er hatte nicht lange genug gelebt, um die Traditionen jedes einzelnen unter einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl zu begraben. Und dieses wäre um so schwieriger gewesen, als die Unterworfenen alte Kulturnationen darstellten, mit nicht nur religiösen, sondern auch schon sprachlichen, literarischen, sittlichen, kurz kulturellen Traditionen, während die Sieger eben erst ihr Zusammengehörigkeitsprinzip aus dem Nichts gegriffen hatten. Den Unterworfenen konnte die Macht der mongolischen Dynastie nur als militärisch, nicht einmal als politisch erscheinen. Sie hatte in ihnen keine seelische Grundlage; deshalb musste sie mit der militärischen Übermacht selbst zerfallen. Das Reich hatte sich auch schon gespalten. Die Erben Dschingis Khans, die in Persien, in Russland, in Turkestan herrschten, konnten sich nur halten, indem sie ihren Völkern folgten, d.h. sich auf die alten Nationalgrundlagen stützten: sie wurden nationale Dynastien, wollten es wenigstens werden; verschwanden aber schließlich doch, weil es ihnen trotz aller Nachgiebigkeit nicht gelang, sich als mit dem Volke durch die nationale, religiöse Idee verbunden hinzustellen. Das Reich zerfiel, weil es keine Staatsreligion durchsetzen konnte. Das hatte Kublai begriffen. Er war kaum noch Weltherrscher, sondern schon mehr chinesischer Kaiser. Und damit fand er eine neue Schwierigkeit. Es gab nämlich schon damals bei den Chinesen weder eine Staatsreligion, noch eine wirkliche Monarchie mehr. Die nationale Zusammengehörigkeit der Chinesen -- die politisch den anderen Kulturvölkern um mindestens tausend Jahre voraus sind -- hatte schon lange den Übergang vom Abhängigkeitsprinzip zum Kooperationsprinzip, den Europa jetzt kaum anfängt, durchgeführt. Sie war wirtschaftlich geworden und hatte den Schein der politischen, der monarchischen, der religiösen Zusammengehörigkeit nur noch als vagen Luxus beibehalten. Aber über China herrschen ist natürlicherweise der Traum allergrößten Willens zur Macht. Kublai scheint sehr wohl gefühlt zu haben, dass für einen wirklichen Monarchen in China nichts zu tun ist. Er war ja selbst mehr als halb Chinese. Aber er hatte mit größter Aufmerksamkeit das erfolgreiche Eindringen einer wirklichen Religion in China verfolgt. Der tibetische Buddhismus machte reißende Fortschritte. Und der Kaiser war doch nicht Chinese genug, um zu verstehen, dass dieses wie jedes andere mystische Weltbild von seinen raffinierten Untertanen als ästhetisches Beiwerk in ihrem Leben würde aufgefasst werden, ohne jemals organisatorische Kraft entwickeln zu können. Überdies beherrschte er das Stammvolk, die Mongolen, die sämtlich fanatische Buddhisten geworden waren. Dort konnte er sich mit Fug und Recht als religiöser Herr gebärden, denn sein Großvater hatte die Bekehrung eingeleitet. Jedenfalls sah er aber auch für seinen _chinesischen_ Kaiserthron die einzige Rettung im _buddhistischen_ Kaisertum. Und so arbeitete er denn Jahrzehnte seiner großartigen Regierungszeit lang daran, den Buddhismus zur Staatsreligion, sich zum Kaiser der Buddhisten zu machen. Die Verhandlungen, die er zu diesem Zwecke mit den Großlamas der mächtigsten tibetischen Klöster führte, sind auf uns gekommen. Sie zeigen uns Kublai wie diese Mönche als bewusste, überwältigend aufgeklärte, reine Politiker. Der Kaiser wurde „Herr und Pfleger der Religionsgaben“; der Klerus hatte das Volk aus Religion an die Dynastie anhänglich zu machen. Ein politisches Meisterwerk, psychologisch wie technisch gleich vollkommen, war geplant. Aber als der greise Kaiser, der beste, den China gekannt, als Herr des Buddhismus auf mit Gold und Purpur behangenem Elefanten in der weiten Ebene des Dalai-Nur eine letzte große Heerschau hielt und zur selben Stunde erfuhr, dass zugleich in China und bei einem Türkenstamm der Aufstand gärte, da empfand er, dass alles vergebens war. Er stieg als gebrochener Greis von seinem vierbeinigen Throne herab und starb kurze Zeit nachher. Die Staatsreligion selbst hatte sich als ohnmächtig erwiesen. Sie war zu neu. Sie hatte weder bei Mongolen noch bei Nordchinesen ihre festen Wurzeln im uralten Volksaberglauben. Und wie sie, war die Dynastie nicht durch die Bande unbewusst gewordener Autorität gehalten. Wären die Mongolen nicht Buddhisten geworden, sondern hätten Dschingis Khan, als er verschwunden war, zum Religionsgründer erhoben, so hätte vielleicht die Dynastie fortbestanden. Aber diese Religion konnte nicht lebendig bleiben, weil sie vom alten Volksaberglauben tiefer verschieden war, als der mit allen urhochasiatischen, animistischen und magischen Resten durchtränkte tibetische Buddhismus. Und dazu kam noch ein Umstand, der das Wie aller Politik unvermutet beleuchtet. Der Dschingis-Khan-Glaube war weder alt genug, noch trug er in sich Autoritätsprinzipien, die dem Volke die physische, die wirtschaftliche Organisation aufzwingen konnten, welche allein dauernden Bestand einer Nation sichert. Sie konnte die mongolischen Nomaden nicht sesshaft machen. Deshalb zerstob ihre Nation und zersplitterte das Reich ihrer Dynasten. Der Niedergang der Dschingiskhaniden in China vollendet das Bild. Sie fanden keinen religiösen Boden, auf den sie sich fest hätten stellen können. Kublais Ahnungen wurden wahr. Die Chinesen waren keine Buddhisten. Die buddhistische Staatsreligion schwebte über dem Nichts. Der Klerus hätte die chinesische Volksseele umbilden müssen, um der Dynastie treue Untertanen zu schaffen. Und da dies unmöglich war, blieb der Herrscher dem Volke womöglich noch ferner, als wenn er seine Herrschaft ohne seelisches Prinzip hätte einfach auf die brutale Macht der Staatsmaschine gründen wollen. Aber dies hätte er auch nicht gekonnt, weil das, was die chinesische Nation ausmacht, überhaupt von der staatlichen Organisation unabhängig ist. Die einfache Tatsache, dass die Dschingiskhaniden wirklich Kaiser sein wollten, anstatt bloß als altüberkommenes Symbol sozialer Ordnung oder als Verwalter der bestehenden, dem Volksbewusstsein adäquaten Einrichtungen zu figurieren, hielt zwischen ihnen und China einen Abgrund offen. Sie fühlten es, trieben die Theorie der Staatsreligion zum Äußersten, machten aus dem Klerus eine fürchterliche Oligarchie, der sie sich schließlich selbst unterwarfen, und reizten die Masse gegen die ihr politisches Leben zersetzenden neuen Tendenzen auf. Wütende Bauern warfen die letzten Erben des großen Khans in die wüsten Steppen ihres Ursprungs zurück. »» ~ 11 ~ Was sich hier in rasendem Wechsel und unter der Erschütterung aller bestehenden politischen Ordnung innerhalb von vier Generationen vollzog, umfasst, wenn es sich über Jahrhunderte oder Jahrtausende dehnt, das Leben und Sterben aller Nationen. Nur die zeitlichen und örtlichen Umstände, unter denen ihr Dasein sich abgewickelt hat, sind verschieden und mit ihnen natürlich die Erscheinungsformen ihres politischen Handelns. Wenn schon Dschingis Khan, der politische Abenteurer an sich, der außer aller Tradition, ohne organisiertes Volk, anscheinend mit bloßer brutaler Gewalt sein Reich schmiedete, den Geburtsfehler seiner Nation mit religiösen Ideen tilgen musste, wie viel mehr müssen diese nicht in der langsameren Entwicklung festsitzenden Völker ihre Herrscherrolle, ihre nationbildende Tätigkeit durchgeführt haben! Aber sind die örtlichen und zeitlichen Umstände, und zwar in erster Linie die wirtschaftlichen, nicht noch wichtiger? Kann man behaupten, dass auch die wirtschaftliche Existenz, die wirtschaftliche Tätigkeit, die wirtschaftliche Politik durch religiöse Prinzipien bedingt werden? Sind etwa die Germanen nach ihren Wanderungen sesshaft geworden, weil sie das Christentum angenommen haben, oder einfach weil sie in reichere Länder gedrungen waren? Haben sie feste politische Organisationen aus Gründen christlicher Weltauffassung gebildet, oder sind sie leichter Christen geworden, weil sie wirtschaftlich eine Lebensform angenommen hatten, die mit dieser zusammenpasste? Die Sache ist um so schwerer zu entscheiden, als der Europäer noch heute an die Analyse aller mit dem Christentum zusammenhängenden Ereignisse mit schweren, unbewusst gewordenen Vorurteilen herangeht. Die Entfernung erleichtert die Konstruktion der richtigen Perspektive. Und in Inner-Asien besitzen wir den klarsten Beweis, dass Religion Völker sesshaft machen, aus wilden Stämmen Nationen zusammenschweißen kann, und zwar ohne den Zwang von in Menschen verkörperten, übermenschlichen Autoritäten. Der Buddhismus hat dieses Wunder in Tibet vollführt. »» ~ 12 ~ Die Verbreitung des Buddhismus in Tibet hatte nämlich weniger seelische als politische Folgen. Er hatte sich von dem alten Animismus mit seiner Magie und seiner Lehre von den Verwandlungen der Geister in beliebige irdische Formen durchdringen lassen. Die buddhistische Götterhierarchie, deren Wesen hier nichts zur Sache tut, hatte ihren aus Indien mitgebrachten Eigenschaften die der tibetischen Dämonen hinzugefügt und war auf diese Weise mit der Volksseele fest verwachsen. Mit der Einführung der Schrift hatte sich wohl die Ideenwelt erweitert; die Moral Gotamas hatte die Sitten beeinflusst, wenn auch die Urformen der tibetischen Gesellschaftsordnung, zumal das Patriarchat und die Endogamie, die Heirat mehrerer Verwandten mit derselben Frau, in dem mittlerweile durch das Christentum zum Westen gelangten Moralsystem in abenteuerlichem Kontraste weiterbestanden. Aber damit waren die Nomadenstämme noch nicht zum Staat, geschweige denn zur Nation geworden. Sie wurden es erst durch die wirtschaftliche Umwälzung, die die buddhistische Kirche hervorrief. Die echten Vertreter der Religion waren von Anfang an indische Mönche gewesen. Sie waren sicher an innerer Kultur den Tibetern weit überlegen. Ihr Glaube aber an die segenbringende Kraft des Ritus war so stark, dass sie auch die als Buddhisten betrachteten, welche den neuen Glauben nur als mächtiges Verteidigungsmittel gegen die alten Dämonen aufgriffen. Aber der Ritus an und für sich setzte wirtschaftliche Formen voraus, die es in dem eisigen Tibet, dem „Schneereiche“ nicht gab. Es ist gleichgültig ob die Mönche wirklich die Art ihrer Askese, die das Christentum damals gerade nachzuahmen begann, noch als wahres Heilsmittel oder nur noch als Ritus auffassten. Jedenfalls war ihnen die Form ihres Lebens das Wesentliche an ihrer Religion. Und diese Form mussten sie in Tibet beibehalten. Aber während in Indien ein warmes Klima, eine überreiche Fruchtbarkeit dem Gläubigen das Leben des Mönches, des Eremiten, des heiligen Vagabunden, des Menschen, der über der Seele den Körper vergisst, ohne weiteres möglich machte, trat ihm in dem furchtbaren Lande, in das er ging, sofort die schwere Frage seiner physischen Existenz entgegen. In Tibet ist der einzelne Mensch verloren; das Denken, das Lesen, das Insichgehen, alles, was den Menschen dem Nirvana näher bringt, wird nur durch den Abschluss von der feindlichen Natur möglich. Die indischen Mönche mussten, um ihren Ritus zu retten, sich zu mehreren gemeinsam isolieren, sich in Häuser schließen, in denen ihre Bücher, ihre Kultusgeräte und ihre beschauliche Gedankenarbeit vor den Unbilden des Wetters geschützt waren. Diese Häuser, diese Klöster waren die ersten und einzigen feststehenden Behausungen inmitten des wechselvollen Wanderns der tibetischen Nomaden. Die außerordentliche Erscheinung dieses sesshaften Lebens, welches natürlich nur durch den von den Wandernden als Bezahlung für Beistand gegen böse Mächte gelieferten Tribut an Lebensmitteln, Brennstoff und Kleidung möglich war, machte auf die Tibeter den tiefsten Eindruck. Die Sesshaftigkeit schien zugleich das Zeichen der Heiligkeit und des wirtschaftlichen Glücks zu sein. Der seelische Vorteil, dem Nirvana näher zu stehen, schien an den gesellschaftlichen Vorteil, ein ruhiges Dasein zu führen, gebunden. Nicht nur wer das Heil der Seele suchte, musste streben, Mönch zu werden, sondern alle, die nach sorgenfreiem irdischen Leben trachteten. Und die gesellschaftbildende Kraft des Buddhismus spiegelte sich in der Gründung zahlloser riesiger Klöster. So entstanden feste Zentren zwischen den Nomaden. Aber die Sesshaftigkeit ist nicht nur die notwendige Bedingung zu dauernder wirtschaftlicher und seelischer Kultur; sie ist auch, inmitten wandernder Völker, der Keim zur politischen Herrschaft, wenn die Wandernden mit den Sitzenden ein unbewusst gewordenes Band verflicht. Und das war der Fall. Dies Band war nicht rassisch, denn lange waren indische Mönche Leiter der Klöster, und dann Tibeter, die lange in Indien studiert hatten, also vom Rassenstandpunkte aus Misstrauen verdienten. Das Band lag einzig in der Religion, in der Zusammenschichtung der Dämonenmagie mit den höheren Prinzipien und Dogmen des Buddhismus. In einem Lande wie Tibet ist die feste Siedelung einer Menschengruppe inmitten kalter, unwegsamer, unfruchtbarer Gegenden geradezu eine Burg, deren Insassen gegen das Klima mit seinen verderblichen Schneestürmen, wie gegen beutelustige, hungernde Nomadenstämme geschützt sind. Ein Kloster verlieh den Nomaden der Gegend, ihrem Patriarchat, ihrem lokalen, politischen Organismus eine äußerst kostbare politische Sicherheit. Zu Kriegszeiten wurde es ein Zufluchtsort oder eine Festung. Im Frieden war es ein Stelldichein, an dem man sicher war, sich nicht, wie am Fuße dieses oder jenes Berges, an dieser oder jener Flussstelle, zu verfehlen oder einem hinterlistigen Gegner in die Falle zu gehen. Es war also der natürliche Marktplatz. Die außergewöhnliche Sicherheit, die es gab, machte es bald zum Stapelplatz der Waren, zur Niederlage der Werte. Und schließlich wurde das Kloster die Herberge der Händler, der Austauschplatz, die Bank, das Handelszentrum. Nichts war dann natürlicher als die feste Ansiedelung von Laienfamilien in der Nähe der Mönche, am Tore der Klöster. Alle, die größeren Vorteil vom Handel erwarteten, als von der Produktion der Dinge, die ein Nomade zu liefern vermag, mussten es vorziehen, das gefährliche, unsichere Hausieren von Stamm zu Stamm, von Land zu Land aufzugeben. Sie blieben beim Kloster oder wurden selbst Mönche. So wurde das Kloster Zitadelle oder Palast eines Dorfes, einer Stadt. Die Nomaden wurden sesshaft. Nun standen die Klöster stets an den günstigsten Orten, auf Bergen über geschützten Tälern, an Flüssen und Seen, an Orten, die das am wenigsten trostlose Land beherrschten. Die indischen Mönche und die aus Indien zurückgekehrten tibetischen Pilger brachten das einfachste Wissen vom Ackerbau mit. Und die das Kloster umwohnenden „Sitzenden“ -- noch heute schließen die Märchen hochasiatischer Mongoloiden stets mit den Worten: „und sie waren glücklich, _saßen_ und wurden dick“ -- ergriffen mit wachsendem Eifer die neue höhere Art wirtschaftlichen Lebens. Die Klöster hatten aus primitiven Horden sesshafte Bauern gemacht. Und nun kam der politische Charakter dieser ganzen aus religiöser Autorität gewachsenen Entwicklung zutage. Die Klöster, die bis dahin von den Produkten der Nomaden hatten leben müssen, wurden wirtschaftlich unabhängig. Sie und die um sie wohnende feste Bevölkerung produzierte ja alles Nötige. Und so ging der Einfluss der Nomaden und ihrer Fürsten im selben Maße zugrunde, wie der Ackerbau und mit ihm das sesshafte Volk wuchs. Es ist aus dem moralischen und wirtschaftlichen Aufschwung der von den Mönchen kultivierten Tibetaner wohl zu verstehen, dass die Verehrung der kongreganistischen Einrichtungen der hinter ihnen stehenden Kirche und der über dieser schwebenden Religion ins Ungemessene stieg. Die Religion hatte zwischen dem Volk und den Trägern der so glücklich fruchtbar gewordenen buddhistischen Lehre das geistige Band, die Zusammengehörigkeitsfessel unauflöslich geknüpft. Die Mönche waren Herren des Volkes geworden. Ihre Rolle blieb seitdem rein politisch. Ihre Mitglieder waren eine herrschende Kaste. Und da ja jeder Mönch werden konnte, kam es bald so weit, dass jede Familie wenigstens ein zur Kongregation gehörendes Mitglied zählte. Die Folge war das Auftreten von Riesenklöstern, die das Aussehen und die Organisation großer Städte aufwiesen und Zehntausende von Bewohnern zählten. Die alten Mönchsregeln wurden schwächer. Das Zölibat wurde mit Bewusstsein über Bord geworfen. Es war auch niemals konsequent beobachtet worden. Die uralten endogamischen Sitten lebten weiter und wurden nicht verpönt. Die Kollektivheirat der Frau mit mehreren männlichen Mitgliedern einer Familie blieb allgemeine Gewohnheit. Und diese, die oft in reine Polyandrie übergeht -- in Nordwesttibet wird noch heute der Gast eingeladen, das Bett mit der Frau zu teilen -- erwies sich als im höchsten Grade praktisch für die klösterliche Gesellschaftsordnung. Es haben auf diese Weise große Klosterstädte wie Kumbum, Urga oder Schigatse mit vierzigtausend Mönchen und fünftausend Frauen existieren können, wobei die Regelung der Familienverhältnisse durch höchst einfache Scheidungs- und Wiederverheiratungsvorschriften erleichtert wurde. »» ~ 13 ~ So waren die Tibeter ein unter Priesterhoheit organisiertes Volk geworden. Nicht weniger typisch, nicht weniger beweiskräftig für den religiösen Charakter der noch allgemein bestehenden monarchischen Staatsform und Politik ist die Entwicklung der Priesteroligarchien zum Papsttum, und die des Papstes zum Könige. Tibet war noch kein Staat. Die einzelnen Klöster waren von einander so unabhängig, wie im Mittelalter die europäischen Fürsten. Und tatsächlich war der Abt des Klosters oder das Haupt der Kongregation ein wirklicher Fürst, der sehr wohl wusste, dass die Macht seiner Stellung und seines Ordens bloß auf dem Glauben oder der Erfüllung der Glaubensvorschriften beruhte. Deshalb gingen auch alle mit äußerster Schärfe gegen die Renaissance des Dämonenglaubens vor, welche die Häupter der noch übrigen Nomadenstämme begünstigten, um ihre frühere Macht oder wenigstens ihre Unabhängigkeit gegen die Mönche zu erhalten. Aber diese Religionskriege -- und so ist es mit allen gewesen -- wurden von der Menge, wenn nicht aus religiösem, so aus dem von ihm geborenen Fanatismus, nicht für sich, sondern für die bestehende Ordnung geführt. Vom Standpunkt der herrschenden Mönchskaste aber waren es reine Machtkämpfe. Und hiermit finden wir ein neues Element aller Politik, den Willen zur Macht. Man darf in diesem nichts Metaphysisches sehen, wenigstens soweit er bei Individuen, bei herrschenden Individuen auftritt. Er ist im Gegenteil ganz einfach die psychische Begleiterscheinung physischen, wirtschaftlichen Erfolges in weitestem Sinne. Er ist geradezu die Rückkehr zum Menschlichen aus dem mysteriösen Zwange außermenschlicher Motive, die Ausspannung aus dem Joche der despotischen Idee, die zuerst zur Macht trieb. Zunächst hatten die tibetischen Klöster und ihre Häupter nicht Machtpolitik, sondern sicherlich Religionspolitik getrieben. Sie hatten ihre Kräfte nicht daran gesetzt, ihre Menschenmacht zu vergrößern, sondern das Herrschaftsgebiet der Idee, des Buddhismus, zu erweitern und zu festigen, dessen Träger sie waren. Sie hatten nur sozusagen als Verkörperung oder als Werkzeug dieser Idee gehandelt. Aber als diese über große Menschenmengen fest herrschte, blieben ihre eigentlichen Träger natürlich die Herren dieser Mengen, zunächst nur vermittelst der Idee. Dann jedoch, insofern sie irdische Menschen waren mit physischen, mit wirtschaftlichen, mit Bedürfnissen für ihre _Person_, drängte sich ihnen ohne weiteres der persönliche, individuelle Vorteil auf, Herr zu sein. Und nun war der Sinn ihrer Führer-, Berater-, Bekehrertätigkeit nicht nur mehr einzig und allein die Herrschaft der außermenschlichen Idee, die sie zur Größe geführt hatten, sondern daneben, und bald darüber, ihre persönliche Herrschaft, ihre Macht. Die Grundlagen dieser Macht bei der Menge, ihr Abhängigkeitsgefühl, ihre Unterwürfigkeit konnten weder eine ähnliche Wandlung durchmachen, noch diese Wandlung in der Herrscherseele mutmaßen. Und so tritt mit der Sorge um die Macht der herrschenden Personen in ihrem Handeln, das nichts als Politik ist, eine wunderbare, naive Heuchelei auf, die bewusst oder zum Teil unbewusst in allen nicht mehr offenbar religiösen Gesellschaften und insbesondere in aller Machtpolitik fortwährend zutage tritt. Die Herrschenden erhalten ihre Macht ja nur, indem sie sich persönlich als von dem die politische Organisation schaffenden Prinzip untrennbar ausgeben. Ob sie, wie vielleicht die tibetischen Oligarchen, wirklich glauben, dass ohne sie das Prinzip seine Kraft über die Volksseele verlieren würde, oder ob sie, wie bei manchen modernen Monarchen, dieses Von-Gottes-Gnadentum nur noch als Vorwand vor unkultivierten Mengen gebrauchen, um sich und die herrschende Idee, die nationale Idee, als unzertrennlich anerkennen zu lassen: das hat auf die wirklichen politischen Ereignisse gar keinen Einfluss. Wesentlich ist nur, dass die Macht der Herrschenden, wenn sie irgendwie dauernd bestehen soll, auf dieser Identifikation des Vertreters der staatsschaffenden Ideen im Volke mit diesen Ideen selbst beruht. Überall wo der Herrschende sich nicht mit solcher im Volke wurzelnden Kollektivsuggestion identifizieren kann, hält er sich nur durch brutale Macht, wenn er persönliche Machtmittel hat, oder gar nicht. So war es z.B. mit römischen Soldatenkaisern, in einem Reiche, in dem überhaupt keine alles Volk zusammenbindende seelische Vorstellung lebendig war und das mithin keine Einheit bilden konnte; auf was sollten sie sich stützen, das sie mit gleicher Stärke den Ägyptern als ägyptischen, den Griechen als griechischen, den Galliern als keltischen, anderen als germanischen, iberischen, berberischen, chaldäischen Herrscher hingestellt hätte? Die Nationalidee des römischen Reichs? Aber diese beschränkte sich auf die Italer und höchstens noch auf die Bewohner der großen Hauptstädte Byzanz und Alexandrien, welche alle zusammen eigentlich eine Oligarchie darstellten, die reine Machtpolitik unter dem Deckmantel des Kaisertums trieb; das römische Reich, oder vielmehr die römischen Monarchen _mussten_ ihre Macht zerbröckeln sehen, weil sie kein inneres Band mit ihren Untertanen zusammenhielt. Wohl hatten diese irgendwelche Herrscher nötig, aber sie konnten nur solche vertragen, die irgendwie als Repräsentanten des in ihnen lebendigen Zusammengehörigkeitsgefühls auftreten konnten. Aber wodurch gehörten die kleinasiatischen Griechen mit den Galliern, die Afrikaner oder Italer mit den Pannoniern zusammen? Weder durch (aus Religion stammende) Sitten oder politische Ideen, noch durch nach langer Gewohnheit zum gesellschaftlichen Prinzip gewordene Gesetze, weder durch die Sprache noch durch die wirtschaftliche Kultur, und am allerwenigsten durch reine Religion, die den Kaiser als Träger einer über allen schwebenden Allmacht gefühlt hätte, vor welcher jeder im selben schlechthinnigen Abhängigkeitsgefühl widerstandsloser Sklave geblieben wäre. Die machthungrigsten Kaiser haben recht wohl empfunden, dass die Tragik ihrer intermittenten Autorität, um nicht zu sagen: ihrer jämmerlichen Ohnmacht, aus dieser Quelle stammte. Die einen haben die innere Haltlosigkeit ihrer Macht hingenommen, und sie durch die bloße Gewalt ihrer allen Nationaldienst verhöhnenden persönlichen Schergen, den internationalen Prätorianern, von Tag zu Tag, von Ort zu Ort erhalten wollen. Die anderen haben es so machen wollen, wie es tausend Jahre später Dschingis Khan gelang: sie haben sich selbst zum Gott gemacht; aber Dschingis Khan ließ sich von seinem begeisterten Volke zum Sohne der alles führenden übermenschlichen Macht erheben; sie zwangen ihre Göttlichkeit der lachenden Menge auf. Und Götter offenbaren sich nicht; sie gebären sich langsam aus der erschauernden Volksseele empor. Ein solcher neuer Gott wuchs aus der nach übermenschlicher Herrschaft dürstenden Seele der Massen gerade deshalb herauf, weil das römische Kaisertum mit seiner rein irdischen Macht alle uralten religiösen Ordnungen in ihren politischen Erscheinungsformen gebrochen hatte. Es hatte eine ägyptische, eine griechisch-ägyptische, eine griechisch-semitische, eine phönizische, italische, iberische, gallische, ja germanische und pontische Kultur gegeben: alles war durcheinander geworfen, zerstückelt, in Trümmern übereinander gehäuft: das römische Kaisertum herrschte ja nur über die Ruinen von zehn oder zwanzig Kulturen. Und nichts als die im Leeren schwebende, in keiner mehr fußende, im schlimmsten Sinne internationale persönliche Macht des Kaisers sollte all dieses ersetzen. „Liebling des Volks zu sein“,{14} der spießbürgerliche Versemacher hatte mit diesem Worte einen Blitz tiefster psychologischer Weisheit; „Liebling des Volks zu sein“ ist wirklich die einzige Grundlage monarchischer Macht. Aber diese Liebe ist nicht erotisch, sondern religiös; es steckt in ihr die heilige Scheu des Australiers vorm Beutelschwein, des Ostjaken vorm Bären, des Urjuden vor der Bundeslade, des Katholiken vor der Monstranz; sie hat das Mystische alles religiösen Vertrauens; sie hat das Naive aller kindlichen Hingabe -- und alle Religion, vom wüsten Animismus der Jukagiren zum sogenannten freien Christen, haben auf ihrem Grunde die elterliche Würde, und wenn biedere Kriegervereinsmitglieder einem mit dem Ausruf den Mund stopfen: „Der Kaiser muss es besser wissen, er ist doch dazu da!“, so liegt darin jene „Schlechthinnigkeit“ der Verehrung, der Abhängigkeit, der Willensunterordnung, jener Glaube an das Symbol, jene Überzeugung von der Wirklichkeit der Verkörperung des kollektiven Wollens in einer Persönlichkeit, die das Wesentliche am religiösen Sinn, und auch das Wesentliche an der päpstlichen Autorität ausmacht. „Liebling des Volks“ in diesem Sinne kann ein Mensch nicht durch sich selbst werden; könnte er es -- wie Dschingis Khan es durch sein Volk wurde -- so würde sich diese Liebe weder auf seine natürlichen, noch, wie bei Alexander, auf die von ihm „geheiligten“ Erben übertragen. „Liebling“ muss erst ein unsterblicher Gott sein, dann werden es die, welche ihn auf Erden vertreten. Als aus den Ruinen des römischen Kulturschuttes der Christengott hervorwuchs, „Liebling der Völker“ ward, alle, die er beseligte, in neue gemeinsame Bande schlug, da konnte noch einmal ein Mensch diese Zusammengehörenden zur großen, festen, organisierten Gesellschaft gestalten, christlicher Kaiser werden. Rom wurde in Konstantinopel vom Christengott zu neuem Leben erweckt. Nicht die gemeinsame griechische Sprache, nicht die gemeinsame Erbschaft griechischer Kultur, die von Athen bis Persien, von Byzanz bis Heliopolis die Völker mit gleichem glänzendem Lack bekleidet hatte, konnten dies Wunder vollbringen, sonst hätten schon Hadrian oder Mark Aurel es getan. Das oströmische Reich war nicht griechisch sondern christlich. Das griechische Kaiserreich machte nicht das Christentum zur Staatsreligion, sondern die christliche Staatsreligion schuf das byzantinische Reich. {14: _„Heil dir im Siegerkranz, / Herrscher des Vaterlands! / Heil, Kaiser, dir! / Fühl in des Thrones Glanz / die hohe Wonne ganz, / Liebling des Volks zu sein! / Heil, Kaiser, dir!“_ Aus dem Text der späteren Kaiserhymne von Heinrich Harries.} Und dann ging es weiter, in ewig gleichem Wechsel, wie in Tibet, als die Mönchsorden sich an politischer Macht berauschten, und aus dem buddhistischen Glauben das tibetische Papstkönigtum hervorzauberten. Die Klöster stritten gegen einander um Macht. Ihre Lebensregeln waren verschieden, manchmal sogar einige ihrer Dogmen. Ihre Untertanen ließen sich also gegen einander fanatisieren. Der größte Erfolg in diesem Kampfe fiel denen zu, deren Gesetze am nachsichtigsten waren. Ihnen strömten die Mitglieder und Anhänger in größten Massen zu. Ihre wirtschaftliche und militärische Macht wuchs also am stärksten. Wirkliche Kriege zwischen diesen kleinen Mönchsstaaten waren allerdings selten. Brutaler Zwang tat wenig. Aber ist nicht alle Eroberung im Grunde Bekehrung, Bekehrung zu anderem Glauben, zu anderer Sprache, zu anderer Sitte, zu anderer Lebensauffassung, anderer Ordnung? Bekehrung mit Feuer und Schwert hat nie etwas getaugt. Sie muss seelisch sein; die wirtschaftlichen oder religiösen Tendenzen, Interessen, müssen für sie sprechen. Sonst hat Preußen mit Polen, England mit Irland, Russland mit zehn eroberten Feinden zu schaffen. In Tibet sprachen gerade diese Interessen für friedliche Eroberung. Die schwächeren Klöster schlossen sich allmählig an die mächtigeren an, deren Regeln den ihren nicht allzusehr zuwiderliefen. Diese Entwicklung nahm, wie jede zentripetale Bewegung, mit wachsender Beschleunigung ihren Fortgang. Im Laufe dreier Generationen (im zwölften Jahrhundert) erlangten vier oder fünf große Klöster die Hegemonie über die Buddhisten und somit die politische Autorität in Tibet. Das mächtigste lag im Lande Lhasa und hieß Sakya. Ihr Machthunger wuchs. Sie befriedigten ihn durch religiöse Propaganda, die politische Herrschaft nach sich zog. Als Dschingis Khan sein Reich gründete, musste er mit ihrer Macht rechnen. Als Kublai es erhalten wollte, musste er mit dem Ordensgeneral von Lhasa ein Konkordat schließen. Aber noch immer war Tibet kein einiger Staat. Es hatte noch keinen Papst, und dieser Papst war noch kein König. Es bedurfte dazu eines neuen Glaubens. Die tibetische Reformation mit ihrem Luther Tsongkhapa schuf ihn. Avalokita, der „Herniederblickende“, die Form Gottes in der buddhistischen Vieleinigkeit, welche das Erdgeschehen lenkt, konnte in Menschenform verkörpert auf Erden erscheinen, um die Geschicke der allein seligmachenden Kirche zu lenken. Natürlich erschien er in der Gestalt des Hauptes der mächtigsten Kongregation. So stark war das Bedürfnis der Menge, die bestehende Autorität als Vertretung des Übermenschlichen aufzufassen, dass das neue Dogma überall mit Begeisterung aufgenommen wurde. Dem _göttlichen_ Kirchenhaupt musste sich jeder unterordnen. Die Kirche wurde Papsttum. Und da sie schon politische Regierung war, wurde der Dalai Lama, der „Lama groß wie das Weltmeer“, wirklicher Monarch. Es gibt in der Geschichte kein klareres Beispiel vom Religiösen, das Schritt für Schritt die Politik schafft, beherrscht, _ist_. Und dieses Beispiel hellt sicherlich unendlich viel Rätselhaftes in den politischen Bestrebungen aller Zeiten und Völker auf. »» ~ 14 ~ Man soll ja nicht von einem auf alles schließen. Aber die bloße Möglichkeit, an einem Falle erhärtet, dass Religion politische Organisation durch alle Stadien bis zur absoluten Monarchie entwickeln kann, ist psychologisch von allergrößter Bedeutung. Und Politik wird doch nur mit Psychologie getrieben. Sonst gäbe es keine Parlamente, keine Parteien, keine Zeitungen, ja nicht einmal Lehrer und noch weniger Pfaffen. Sonst hätte es niemals herrschende Priesterkasten gegeben, weder in Agypten noch in Indien. In China hätte nie ein Konfutsius existiert. Und Schulen gäbe es noch jetzt nicht. Ist nicht überall und immer der Unterricht, d.h. der seelische Drill in den Händen der übermenschlichen Autorität gewesen? Im Anfang wohl nicht, da genügte der Glaube. Aber als Gott Staatsprinzip, sein Stellvertreter oder Sohn Papst und König, dessen Stellvertreter Priester wurden, und ihre persönliche Machtstellung zu erhalten suchten und _begriffen_, da ging man an die Konsolidation der bestehenden Ordnung. Es musste die Religion den Untertanen erhalten werden, es war kein Verlass mehr auf die politische Treue der Gläubigen. Ganz gleichgültig ist es dabei, ob dieser Priesterunterricht, diese geistige Sklaverei der Masse die schlechthinnige Abhängigkeit vom Gotte Assur und dem assyrischen Großkönig, von Ammon und dem thebischen Pharao, vom orthodoxen Christengott und dem Zaren, vom Katholikenpantheon und dem Papst, vom zur Moral herunter abstrahierten Protestantengott und dem preußischen König, oder vom zur Tradition vernebelten Gott der französischen Vaterlandsidee zu Gemüte führt. An und für sich bleibt dies alles dasselbe. Eine als „höher“ anerkannte (nicht vernunftmäßig, sondern gemütlich{15} hingenommene) Macht stellt das Volk in den Dienst einer Idee, die, praktisch genommen, der bloße Ausdruck des Machtwillens der bestehenden Oligarchie ist. Ob die Erweiterung der oligarchischen Macht der Menge nützt, zur Erhöhung der Kultur beiträgt, ist eine andere Frage, auf die es eine allgemein gültige Antwort nicht gibt. (So hätte die Eroberung der Mandschurei den Russen nichts genützt, während die Koreas den Japanern überaus segenbringend werden kann.) Jedenfalls nützt die Abhängigkeit der Menge zunächst ausschließlich den Oligarchen. Und wenn, weniger klar entwickelt als in Tibet, alle Oligarchen Priester sind; wenn, vor der allerneuesten in Europa durch reine Wissenschaft „verdorbenen“ Zeit, alle Staaten ihre wesentliche Stabilität aus dem Grundsatz schöpften: „cuius regio, eius religio“;{16} wenn schließlich jeder Staat seine Macht zu erweitern trachtet, so kommt man zu einem Schluss, der historisch wie psychologisch gleich unanfechtbar erscheint: Nation ist Religion. {15: gefühlsmäßig} {16: „Wessen Land, dessen Glaube“ -- der Herrscher bestimmt den Glauben seiner Untertanen.} »» ~ 15 ~ Sicherlich ist eine solche Religion nicht mehr bei modernen Kulturstaaten in ein geoffenbartes Märchenbuch zusammenzufassen. Sie ist vielmehr gerade von den noch kodifizierbaren Formen der Abhängigkeit von übermenschlichen Autoritäten ganz unabhängig. Sie hat überhaupt mit dem Glauben an Tatsachen gar nichts zu tun, sondern nur mit dem Gefühl von der schlechthinnigen Notwendigkeit des Bestehenden. Sie ist Instinkt gewordene Abhängigkeit. Nichts wäre lächerlicher als etwa in England oder Deutschland diese religiöse Basis der nationalen Existenz als christlich zu bezeichnen. Es gibt keine christliche, sondern eine deutsche Politik. Und es gibt Leute, die die christlichen Organisationen und Kulte als wahre Anachronismen verachten, und inbezug auf die nationale Religion gläubiger sind als Generalsuperintendenten. Denn in dieser Religion schichten sich alle Abhängigkeitsgefühle, die durch alle Zeiten in demselben Milieu lebendig gewesen sind, übereinander. Alle bewussten und unbewusst gewordenen Traditionen herrschen hier in buntem Durcheinander innerhalb der Grenzen, die der von der bestehenden Autorität aufgezwungene Unterricht gezogen hat. In diesem Unterricht fließt alles zusammen, was den Bestand der Autorität sichern kann; und alles, was die „Nationalreligion“ und in erster Linie diejenige Seite, auf der die herrschende Autorität beruht, zu untergraben geeignet ist, wird ausgeschlossen. Alle europäischen Staaten beruhen historisch und psychologisch auf den verschiedenen Arten christlichen Glaubens. Deswegen _müssen_ sie in ihrer inneren Politik klerikal wirtschaften und in ihrer äußeren noch immer Gegensätze psychologischer Natur zwischen den Untertanen verschiedener Oligarchien erfinden, den Untertanen suggerieren und auf diese Weise sie in genügend großem Misstrauen gegen fremde Völker halten, um ihre eigene Einheit und Zusammengehörigkeit schärfer hervortreten zu lassen. Ja, dies gilt sogar in erhöhtem Maße von denjenigen, die ihren Bestand, äußerlich betrachtet, gerade dem Umsturz der religiösen, der päpstlichen, der monarchischen Ordnung verdanken. So muss eine völkerpsychologische Analyse der französischen Revolution etwas ans Licht ziehen, welches den allermeisten noch nicht recht klar geworden ist, nämlich, dass die Motive des französischen Volkes, trotz allem Schein, in seinem Riesenkampf gegen die alte Ordnung und gegen das ganze für diese alte Ordnung eintretende Europa durchaus religiöser Natur waren. Man kämpfte für eine neue Ordnung nach neuen Prinzipien, und zwar waren diese gesellschaftbildenden Triebfedern viel unmittelbarer religiös als die Motive der Autokraten, die gegen Frankreich für die alte Ordnung zu Felde zogen. Der Patriotismus, welcher es einem nach monarchischen Begriffen desorganisierten Volke möglich machte, nicht nur die neue Ordnung zu verteidigen, sondern einer neuen Form des Willens zur Macht in fabelhaften Eroberungszügen Ausdruck zu verleihen, war im Grunde nichts als der Stolz auf den neuen Glauben, den Glauben an die Menschenrechte, an immanente Freiheit und Gleichheit, an ein neues Kulturideal, an neue Organisationsprinzipien, an ein neues Schema des Kollektivlebens, dem ungezählte Millionen ihre offenbarsten, dem Frankreich selbst seine unmittelbarsten wirtschaftlichen Bestrebungen zum Opfer brachte. Gerade hier zeigte sich in aller Klarheit das Charakteristische der religiösen und der wirtschaftlichen Motive. Wohl waren es diese, die in der alten Ordnung zersetzend gewirkt hatten; sie hatten die widerstreitenden wirtschaftlichen Interessen der Einzelnen zutage gelegt, Klassengegensätze geschaffen, und die repräsentative Oligarchie als eine „delenda Carthago“ gebrandmarkt. Kein Mensch hätte in Frankreich aus freien Stücken zu den Waffen gegriffen, um das nach außen noch so mächtige, in seinem inneren Bau schon so verfaulte Frankreich der Bourbonen zu retten. Kein Mensch wäre für die zweifellos äußerst reiche Kultur des ancien régime eingesprungen. Es ist sicher, dass Köpfe wie Racine, Boileau oder Watteau ohne dieses Regime nicht möglich gewesen wären, und es fragt sich sehr, ob im Schema der Menschenrechte Voltaire, Montesquieu oder auch nur d’Alembert hätte geboren, die Encyclopédie geschrieben, Versailles gelebt werden können. Aber wenn die Cahiers der Bauern wirtschaftliche Fragen in den Vordergrund stellten, wenn der bevorstehende Staatsbankrott die Berufung der Etats généraux erzwang, wenn die Oligarchie auf ihre Privilegien verzichtete, und später die großartigsten wirtschaftlichen Umwälzungen die alte Ordnung recht eigentlich fortzuschwemmen schienen, so waren dies Begleiterscheinungen der wirklichen Revolution, nicht ihre Ursachen. Während die Zersetzung der alten Ordnung durch die lebendig gewordenen wirtschaftlichen Interessengegensätze im Geheimen vor sich ging, war eine neue Ordnung in manchen Köpfen als Ideal lebendig geworden, und zwar sollte nicht etwa dieses neue Evangelium die Zersetzung des alten beschleunigen, sondern überhaupt alle Zersetzung des gesellschaftlichen Organismus unmöglich machen; es war ein gesellschaftbildendes Element, das hier auftrat, und das Eigentümlichste war, dass die neuen Prinzipien gerade aus der alten Oligarchie hervorgingen; die „Aufklärung“, welche die Revolution jedenfalls geleitet hat, war gerade das intellektuelle Werk derer, für die es wirtschaftliche Fragen überhaupt gar nicht gab; sie stammte nicht von den Analphabeten, die den wirtschaftlichen Druck der alten Ordnung empfanden, sondern von den raffinierten „genießenden Menschen“, die eigentlich _über_ der Staatsorganisation standen, und, gerade wie die Reichen der römischen Dekadenz, hätten die demokratische Prinzipiensucherei um so eher aufgeben sollen, als keine stabile Ordnung gesellschaftlicher Existenz vorstellbar ist, in welcher ihre individuelle Lebensführung, ihr unbeschränktes individuelles Ausleben statthaft gewesen wären. Durch die logische Ausarbeitung neuer sozialer Prinzipien musste die „Anarchie der Wenigen“, welche die Aufklärung geschaffen, Selbstmord begehen. Dass sie dies getan hat, ist lediglich aus dem Temperament der Gruppe zu erklären. Es waren die religiösen Motive nicht erstorben, sondern in voller Kraft geblieben; nur die _Form_, in der sie sich politisch gestaltet hatten, war auseinander geplatzt, weil sie ihren religiösen, ihren Autoritätsinhalt nicht mehr beherbergen konnte. Der Wille zur Autorität, zum Prinzip, zu dem, was über alle Individuen gleich herrscht und ihre gegenseitige Stellung fixiert, war so stark, dass das Königtum geradezu als „autoritätslose Ordnung“ erscheinen musste. Nicht als ob die Menge zu wissend geworden wäre, um die Autorität des Despoten hinzunehmen, im Gegenteil, diese Autorität war nicht groß genug. Wirtschaftliche Leiden hatten den Zweifel an dieser Autorität im Volke genährt. Aber eine höhere Autorität gefunden, die Möglichkeit ihrer Einsetzung bewiesen, sie dem Volke sympathisch gemacht, hat die raffinierte Aufklärung, die Aristokratie des Intellekts. Die Revolution war geradezu reaktionär. Sie hielt mit Gewalt den Fortschritt im Zerfall der französischen Gesellschaft auf, diskreditierte die wirtschaftlichen Motive, hob die religiösen noch einmal zur Alleinherrschaft, setzte an die Stelle der zu schwachen Autorität des Despoten die Autorität eines ganz offenbar Außermenschlichen, eines philosophischen Prinzips, und presste nun mit gräßlichen Anstrengungen die alte Gesellschaft in das neue Schema hinein. Allerlei Glieder und Köpfe, die nicht hineingingen, mussten abgeschlagen werden. Hätte diese neue Gesellschaft nicht in dem starren Schema einer absoluten Autorität gesessen, sie wäre absolut außerstande gewesen, Politik zu treiben, d.h. anderen Völkern als Einheit gegenüberzutreten. Wäre nicht das religiöse Moment, das Prinzipielle, der Glaube an das, was jedermann als offenbare Wahrheit ansehen musste (Menschenrechte usw.), kurz das Ideal oder das Moralische in demselben Maße und Sinne zum Fanatismus geworden, wie etwa im Anfang des Islam oder im Urchristentum; wären im Gegenteil die wirtschaftlichen Motive, welche im Volke unter Ludwig XV. und XVI. lebendig geworden waren, in Wirkung geblieben, so hätte wohl ein Klassen- oder Gruppenkampf stattfinden können oder eher noch ein Kampf aller gegen alle, der Frankreich ebenso seinen Nachbarn zur mühelosen Beute gemacht hätte, wie Rom den Germanen, aus dem sich aber nie wieder eine _französische_ lebensfähige, autoritätstrunkene Gesellschaft gebildet hätte, sondern eine ganz andere, die etwa dem Italien des XI. Jahrhunderts entspräche, in der die _Eindringlinge_ das gesellschafterhaltende Moment darstellen, und die Abkömmlinge der alten Gesellschaft das Element der Lebemenschen, wenn man so sagen darf. Sogar der sogenannte soziale Umsturz also ist religiöser Natur, _weil_ er eigentlich sozialer Aufbau, Einordnung des Lebens unter ein überindividuelles herrschendes Prinzip ist. »» ~ 16 ~ Wir haben hiermit das eigentliche, Staaten und Nationen bildende Element der Politik zu allen Zeiten in gleichen Formen wirkend gefunden. Es ist das Religiöse. Es macht die Menschengruppen abhängig von etwas Außermenschlichem. Dieses wird der Gruppe gegenüber durch einzelne Individuen vertreten. Diese Priester werden politische Herrscher, sobald ihre Stellung ihnen den Vorteil persönlicher Macht zeigt. Sie erhalten diese Macht aufrecht durch Befestigung des Glaubens (Unterricht), Anpassung an wirtschaftliche Umformungen und Machtpolitik gegen andere Staaten, die den Untertanen zwar nur fragwürdige Vorteile bringt, aber, da sie sich mit dem Herrscher oder der Staatsidee identifizieren, ihnen die Illusion eigener größerer Macht verschafft. »» ~ 17 ~ Jeder des Menschennamens würdige Zweihänder kann in einer solchen vorurteilslosen Erklärung des Wesens der Staaten und Nationen wenig Angenehmes finden. Denn sie stellt ja die Menschengruppen als Sklaven dar; Sklaven zunächst eines Aberglaubens, dann einer Organisation, die nur durch den Aberglauben hat stark werden können. Eine jahrtausendelange Geschichte solchen Zwanges hat nicht die Herdeninstinkte, sondern die Abhängigkeitsinstinkte so fest mit der Reihe der „natürlichen“ Eigenschaften des Durchschnittsmenschen verknüpft, dass ihre logische Begleiterscheinung geradezu als absolute Wahrheit auftritt. Der Mensch hält sich geradezu wesentlich für ein Staatsmitglied, d.h. für das, was der bittere Grieche als _zoon politicon_ höflich bezeichnet, aber als ein Tier gedacht hat, das _nicht_ Politik treibt, sondern von einigen wenigen Herrschenden für sich treiben _lässt_. Aber ist denn der Mensch Staatentier? Der Staat, die Nation ist doch bloß eine _Form_. Der Mensch ist nicht _sie_, sondern in ihr. Und nun ergibt sich schließlich die Grundfrage aller Politik. Ist der Mensch für den Staat da, oder der Staat für den Menschen? Dies Problem hat nichts Philosophisches an sich. Es ist jämmerlich praktisch. Denn alles was in einem Staate, in einer Nation vor sich geht, sich entwickelt, etwas umgestaltet, etwas schafft, in irgend einer Weise Kulturarbeit bedeutet, ist nie etwas anderes gewesen als eine mehr oder minder energische Antwort auf diese Frage. Dass sie überhaupt gestellt werden muss, schließt schon in sich die ganze Tragik der menschlichen Geschichte. Wenn man nämlich weiß -- was gezeigt worden ist -- dass auf dem Grunde jeder festen politischen Ordnung bisher religiöse oder aus religiösem Aberglauben unmittelbar hergeleitete Prinzipien gelegen haben, so ist überhaupt nichts Entsetzlicheres auszudenken, als dass ungezählte Tausende von Millionen von Menschen den selbstmörderischen Gedanken als göttlich verehrt haben, wonach sie das bloße rohe Material zur Ausfüllung gesellschaftlicher Formen sind, und ihr persönliches Leben in demjenigen der gesellschaftlichen, gerade bestehenden Organisation aufgehen soll. Denn in Wirklichkeit füllen sie ja nicht _gesellschaftliche_ Formen aus, sondern die _Machtkreise_ von Oligarchien; sie gehorchen nicht dem Übermenschlichen, sondern der allzumenschlichen List derer, welche Herrscher geworden sind aus Zufall, welche von Vertretern der übermenschlichen Mächte zu Vertretern ihrer eigenen Macht, von Priestern zu herrschgierigen Menschen geworden sind, und nur deshalb nicht im wütenden Ansturm der betrogenen Herde zerrissen werden, weil _sie_ Menschen, aber _jene_ noch vorm Höheren im Staube liegende _Gläubige_ sind. Und das Fürchterlichste ist der jahrtausendelange Widerstand, die ewige Faulheit der Gläubigen, die, wenn auch alles um sie und in ihnen sich fortgesetzt ändert, ihren Platz nicht zu verlassen wagen, nicht die Sprosse vom Gläubigen zum Menschen hinaufklimmen mögen. Jahrtausendelang ist die gläubige Herde wirklich bloßes Füllsel von Staatsformen, oder richtiger willenloses Machtobjekt herrschender Priesteroligarchien gewesen. Und doch hat sie, hat jedes ihrer Mitglieder in anderer Hinsicht ein unabhängiges Leben gehabt. Heere anonymer ägyptischer Kulis konnten Jahrzehnte hindurch am blödsinnigsten Werke sich verbluten, Königen Pyramiden bauen, sinnlos für den stinkenden Leichnam eines Despoten sterben: sie zählen in der „Geschichte“ nicht, denn diese ist von Herrschenden für Beherrschte, zur Erziehung zur Untertänigkeit gemacht. Aber jeder von ihnen hat gegessen, verdaut, geliebt und einige Geräte besessen. Jeder hatte außer seiner Untertanenexistenz ein persönliches Leben, das ihm hätte viel näher stehen sollen als das andere. Und dieses persönliche Leben mit seinen an den individuellen Körper gebundenen Leiden und Freuden ist das, was ihn zum Menschen macht. Es ist -- im weitesten Sinne -- sein wirtschaftliches Leben, in welches seine seelischen Genüsse und Mühen, seine ästhetischen Vergnügungen, seine logischen Spiele ebensowohl gehören wie seine fleißige Verdauung. Und dieses wirtschaftliche Leben, die neben- und hintereinander gesetzten, von der staatlichen Autorität _unabhängig_ verlaufenen, unzähligen wirtschaftlichen Existenzen machen die Geschichte und die Entwicklung des Menschen, machen die _Kultur_ aus. Kultur und Autorität sind Feinde. Denn die Kultur hängt in erster Linie vom Wirtschaftlichen ab. Wie dieses sich in den Rahmen einer politischen, also religiösen Ordnung einfügt, darauf kommt es zunächst gar nicht an. Ja, es ist nicht einmal nötig, das Wesen der Kultur zu definieren, um zu verstehen, in welchem Verhältnis sie sich der politischen Ordnung gegenüber befindet. Einige wollen, dass hohe Kulturstufen nur da erreicht werden, wo Oligarchien die Volksmassen eigenmächtig führen, und man führt mit Wonne Beispiele an, wie Athen mit seiner Spießbürgeroligarchie über Hunderttausende von Sklaven; man nimmt Ägypten und Assyrien und freut sich über die Millionen nutzlos, aber für die „Kultur“ geopferter Leben, denen wir die riesigen Gebäuderuinen des Nil- und des Euphrattales verdanken. Wer noch oberflächlicher denkt, behauptet sogar, dass die chinesische Kultur gerade „stehen geblieben“ ist, als die kaiserliche Macht abgenommen hat, die Feudalorganisation geschwunden ist, und der Chinese endlich, mit verächtlichem Achselzucken über alles Staatliche, sein eigenes Leben ohne andere als wirtschaftliche Autoritäten einzurichten wusste. Aber wenn die sogenannten höchsten Früchte der Kultur nur auf dem Miste des Luxus gedeihen können, so ist damit noch längst nicht erwiesen, dass oligarchische Gesellschaftsordnung Kulturbedingung ist. Denn der Luxus von Oligarchen hat mit ihren Herrschaftsprinzipien ja gar nichts zu tun. Gerade wenn sie Macht, und oft in erster Linie wirtschaftliche Macht haben oder gewinnen wollen, sind sie ja psychologisch nicht mehr die Inkarnation des außermenschlichen Autoritätsprinzips, sondern sie sind von ihrer Göttergröße zum Wesen ganz gewöhnlicher Menschen herabgesunken, in denen das Physische, Wirtschaftliche, die Instinkte zur Günstigerstellung der persönlichen Lage lebendig geworden sind. Der assyrische Großkönig, Sohn Assurs, Sohn des Gottes, der jedesmal in die Gebärmutter der Königin fuhr, um einen neuen Herrscher zu schaffen, war ohne Zweifel Theokrat im engsten Sinne des Wortes; und er verfügte über riesige wirtschaftliche Mittel, im Grunde über die Summe aller persönlichen Mittel seiner Untertanen. Aber indem er diese benutzte, insofern er Kulturdenkmäler schuf, war er nicht mehr göttlicher Herrscher, sondern ein ganz gewöhnlicher Mensch, der es gerade so machte wie alle, die an ihn glaubten und vor ihm im Staube lagen; nur war er in günstigerer persönlicher Lage, konnte mehr und in größerem Maßstabe schaden und hinterlassen, ohne dass jedoch die politische Ordnung, an deren Spitze er stand, irgendwie als solche zum Kulturergebnis beigetragen hätte. »» ~ 18 ~ Monarchen sind nur groß gewesen als Schöpfer oder Veränderer von _Formen_, in denen die Volksmassen gepresst zusammenwohnten; sie sind groß als Handwerker ihrer persönlichen Macht und des Ruhmes, der auf das Volk deshalb mit übergeht, weil es sich durch den Glauben mit dem Herrscher zusammengehörig fühlt. Aber für die _Sache_, für das was im Volke vor sich geht, für das Leben des Einzelnen und seine Einrichtung -- nichts anderes ist Kultur -- haben sie gar nichts geleistet. Hammurabi, sagt man, sei ein großer Kaiser gewesen, weil er in gewisser Weise die chaldäische Kultur geschaffen habe. Eitle, aber geschickt inszenierte Illusion. Hammurabi, der allem Anscheine nach nicht einmal Chaldäer, sondern vielleicht Elamit war, konnte nichts anderes tun, als in größerem Maßstabe das ausführen und in die Staatsform _nachträglich_ einfügen, was die einzelnen Untertanen schon lange als Kulturbesitz ganz unabhängig von der göttlichen Despotie erworben hatten. Hat Hammurabi die Kanäle erfunden? Sicher nicht; er hat nur gesehen, dass Kanäle dem chaldäischen Volke nützlich sind, und er hat sie in größerem Maßstabe dank seiner persönlichen Macht graben lassen können, nicht um die Kultur der Massen zu erhöhen, sondern weil bei seiner Götterwürde die Bereicherung jedes Untertanen eine Vermehrung seiner persönlichen Macht bedeutete. Hat Hammurabi den chaldäischen Kalender erfunden, oder die Zinseszinsrechnung, oder die Bankanweisung? Nichts ist alberner, als etwas Derartiges anzunehmen. All dieser Kulturbesitz hatte längst vor ihm bestanden, zu einer Zeit, als sein Reich überhaupt noch nicht existierte. Alle diese Dinge hatten mit seiner theokratischen, politischen Macht gar keinen Zusammenhang. Ja, man darf noch weiter gehen. Der Umstand, dass er nicht einmal einer chaldäischen, seit Jahrtausenden mit demselben Gott fortvererbten Dynastie angehörte, und dass, wie seine Verteidigungskriege beweisen, seine Großkönigswürde nicht einmal ganz unangefochten geblieben zu sein scheint, lassen in seiner „Kulturtätigkeit“ Motive ahnen, die, ach! bis zum heutigen Tage in allen wohlgeordneten Staaten recht eigentlich das fragwürdige Wesen der sozialen Politik ausmachen. Die Theokratie hat keine Kanäle, keinen Kalender, keine Chèques und keine Mathematik nötig, aber jeder einzelne physische, wirtschaftliche, auf die günstige Organisation seines eigenen Lebens bedachte Mensch bedurfte aller dieser _Erfindungen_. Er hatte sie _praktisch_ nötig, wie er _religiös_ die Theokratie brauchte. Aber der Herrscher hatte _praktisch_ die Theokratie nötig und musste die Menge _religiös_ abhängig halten! Und nun stelle man sich vor, das religiöse Herrschaftsprinzip habe an Kraft abgenommen, der Herrscher erscheine _persönlich_ dem Volke nicht mehr als so weit mit übermenschlicher Delegation ausgestattet, wie es seinen Machtinstinkten genehm wäre. Bei Hammurabi, einem Fremden, war es wahrscheinlich so. Er wird, wenn er dies merkt, ohne Zweifel die die Menge an ihn fesselnden Bande zu verstärken suchen. Und er tut dies, indem er zu der entschwindenden religiösen, traditionellen, atavistischen, psychischen Zusammengehörigkeit von Volk und Herrscher eine andere hinzufügt, die nicht mehr das Volk als Einheit, sondern jeden einzelnen im Volke an ihn zu ketten geeignet ist: mit einem Worte eine wirtschaftliche. Er nimmt alles, was die Einzelnen im Volke für sich selbst geleistet haben und was ihr individuelles Glück erhöht, als zur bestehenden politischen Ordnung notwendig hinzugehörend an, identifiziert die Herrschermacht mit dem Fortschritt, stellt sich als seinen Schützer und Förderer hin, gibt Gesetze, die _nachträglich_ den bestehenden Kulturstand sanktionieren und geht so weit, mit Hilfe seiner politischen Machtmittel alles, was bisher im Volke geleistet war, zwar nicht der Qualität, aber wohl der Quantität nach zu überbieten, es zu verallgemeinern, es als Ausfluss des politisch herrschenden Prinzips darzustellen und so die Kultur listig als Resultat der Politik erscheinen zu lassen. Darum hat Hammurabi Kanäle gebaut, darum finden sich Kalenderregeln in den Keilschriftarchiven der chaldäischen Könige, darum haben die gläubigen Untertanen moderner Monarchen oder Nationalideen sich noch nicht abgewöhnen können, die aufeinander folgenden Fortschritte der Kultur mit den Personen der Herrscher oder wenigstens der politischen Ordnung, die sie umfasste, nicht nur in zeitlichen, sondern sogar in ursächlichen Zusammenhang zu bringen. Und diese Illusion ist -- die Herren politischer Systeme mögen ihrem Gott danken -- sehr schwer zu zerstören. Das „post hoc, ergo propter hoc“{17} herrscht überall. Wenn es jahrtausendelang gelungen ist, die wirtschaftlichen, die kulturellen Fortschritte -- religiöse Fortschritte gibt es nicht -- den religiösen Machthabern zuzuschreiben, so muss es mindestens Jahrhunderte dauern, bis dieser erlogene, aber den herrschenden Kasten unabweislich notwendige Zusammenhang in den Völkern gründlich zerstört wird. Denn die religiösen Oligarchien haben ja nicht nur die Macht des Glaubens, sondern auch die unabhängig von ihnen entwickelten wirtschaftlichen Mächte zu diesem Zwecke für sich in Anspruch nehmen können, und zwar vor allen Dingen diejenigen, welche auf den Seelenzustand der Massen den unmittelbarsten Einfluss ausüben, gerade weil sie äußerlich weniger wirtschaftlich als seelisch aussehen: vor allen Dingen die Sprache und die Schrift, und mit ihnen den Unterricht oder, was dasselbe ist, die den Machthabern nützliche falsche Interpretation des Geschehenen. {17: „Danach, also deswegen“, die irrtümliche Annahme von Kausalität.} »» ~ 19 ~ Mit der Schrift und all ihrer politischen Bedeutung ist es gerade so gegangen, wie mit Hammurabis Kanälen. Ihre Erfindung und Benutzung hat mit der religiösen oder politischen Ordnung verzweifelt wenig zu tun. Sie war vielleicht im Anfang ebenso subversiv, wie Zeitungen es noch jetzt in Russland und der Türkei sind. Die Herrschenden, die Priester haben aber ihre seelenbeeinflussenden Eigenschaften erkannt, sich ihrer bemächtigt und sie um so leichter fortentwickelt, als ihre Herrscherrolle ihnen die Zeit zum graphischen Sport ließ. Sobald die religiösen Machthaber überhaupt fühlten, dass die wesentliche Grundlage ihrer persönlichen Stellung das unbewusst gewordene Abhängigkeitsgefühl der Massen, also die Tradition war, musste die Schrift und alles, was man mit ihr machen kann, eines ihrer wichtigsten Tätigkeitsobjekte werden. Denn ohne Schrift gibt es keine Tradition. Und da ist im höchsten Grade charakteristisch, dass die Herrschenden sich der Schrift gegenüber zu allen Zeiten ebenso konservativ, ebenso reaktionär verhalten haben, wie zu jedem neuen auch äußerlich offenbar wirtschaftlichen Entwicklungsstadium. Sie haben die Schrift stets möglichst kompliziert, möglichst umständlich zu erhalten, ja sie oft allen anderen als Priestern geradezu zu verbieten gesucht, um wirtschaftliche Fortschritte zu hindern, welche das individuelle Bewusstsein der Untertanen zu stärken geeignet sind. Die Schrift wurde geheiligt, weil sie sonst revolutionär geworden wäre. In ihrer Entwicklung beobachtet man um so klarer den unabänderlichen, unversöhnlichen Gegensatz zwischen Kultur und Staatenpolitik. Ist es nicht eigentümlich, dass die drei Urschriften, die wir kennen, die altchinesische, die urchaldäische Keilschrift und die ägyptischen Hieroglyphen, schon in ihrer ältesten Form etwas von allem Religiösen Unabhängiges an sich haben? In Ägypten gab es Felsen, in Chaldäa bloß Ton, in China höchstens Baumrinden. In Ägypten konnte man meißeln und malen und zugleich für die Ewigkeit arbeiten, jedem Geschriebenen somit einen ungeheuern traditionellen Einfluss beigeben. In Chaldäa konnte man bloß mit Spateln in Ton ritzen und diesen brennen; jeder Strich wurde natürlich keilförmig; die Zeichen hatten keine feste Form; die Schrifttafeln waren nicht monumental; sie konnten verloren gehen oder zerbrechen: die Schrift selbst, der die alten Modelle nicht mehr dienen konnten, änderte sich rasch, vereinfachte sich nicht nur aus Faulheit der priesterlichen Schreiber, sondern weil keine unabänderliche Norm alter Zeit erhalten blieb; so ward die Keilschrift leichter verständlich und leichter ausführbar. Sie konnte nicht das Vorrecht der Herrschenden bleiben, fiel ins Volk und wurde nun wirtschaftliches Fortschrittsmittel ersten Ranges, schuf neben den ursprünglich gemütlichen religiös-politischen _Abhängigkeitstraditionen_ ganz neue, ganz andere _Selbständigkeitstraditionen_, die sich alsbald in feste, von der Staatsautorität unabhängige Gebräuche jeglicher Art übersetzten. Was hatte es mit der theokratischen Ordnung zu tun, wenn einzelne Untertanen unter sich Kontokorrentverträge abschlossen, andere Sonnenfinsternisse ausrechneten, noch andere allerlei Regeln zur Anfertigung dieser oder jener Gegenstände notierten? Gar nichts. Aber alles dies musste mit der Zeit dem untertänigen Individuum zum Bewusstsein bringen, dass alles dieses unabhängig von der Staatsordnung Entstandene ihm eigentlich näher steht, als die Staatsordnung selbst. Und von diesem Zeitpunkt an ist in ihm der ewige politische Konflikt zwischen seinen wirtschaftlichen Instinkten und seinen religiösen Atavismen lebendig. _Dieser Konflikt beherrscht in allen Kulturvölkern das politische Denken der Massen._ Ohne Schrift kann er sich nie, oder doch nur in unbestimmtesten Regungen erheben. In Chaldäa trat dieser Konflikt relativ früh auf, _weil_ die Schrift Gemeingut der Gebildeten geworden war. In Ägypten erschien er eigentlich nie, so lange überhaupt ägyptische Staaten ohne ausländische Hilfsmittel, d.h. auf Grund der ägyptischen Autoritätsprinzipien bestehen konnten, und zwar lag das an dem archaistischen Charakter der Schrift, an der Möglichkeit, diese unverändert, schwerfällig, dekorativ durch Jahrtausende zu schleppen, ihre Benutzung so zeitraubend zu belassen, dass nur Nichtstuer sie anwenden konnten, sie als Monopol der herrschenden Kaste gegen alle Profanation durch Untertanen zu schützen, und so der Ausbildung von Traditionen außerhalb der theokratischen Ordnung mit Erfolg entgegenzutreten. Nicht dass wirtschaftlich keine Fortschritte gemacht worden wären; die technischen Leistungen der Ägypter sind ebenso offenbar nicht von Königen, sondern von anonymen Untertanen geliefert worden wie in Chaldäa. Aber in Ägypten konnte die herrschende Kaste diese Leistungen mit Erfolg für sich in Beschlag nehmen und lange Zeit hindurch im Volke eine unabhängige wirtschaftliche Tradition verhindern, _weil_ die Felsenmalerei nur äußerst langsam als Schrift auf Papyrus Gemeingut der das eigentliche Volksleben füllenden Kasten werden konnte. In China musste der Konflikt zwischen dem Wirtschaftlichen, zur Autoritätszersetzung Drängenden, und dem Religiösen, zur Beibehaltung der bestehenden Ordnung Haltenden, viel schneller zutage treten, weil eine Volks-, eine Lebenstradition dort noch leichter fixiert werden konnte als in Chaldäa. Die Schrift nämlich, welche durch die _Fixierung des Alltäglichen_ allein eine Kultur zustande bringt, während sie durch die Fixierung des unabänderlich zu befolgenden übermenschlichen Staatsprinzips alle Kulturentwicklung hindert, entwickelte sich in China äußerst schnell zu einer Form, in der sie jedem praktischen Gebrauche dienstbar wurde. Von Baumrinden ging sie auf das ideale Material des Papiers über, von schwerfälliger Ideographie wurde sie eine wirkliche, äußerst sinnreiche Schrift. Das Material, dessen sie sich bediente, war leicht zerstörbar, verdarb rasch. Und das war, wenn für die Geschichte -- bloßer Sport europäischer Nichtstuer -- im höchsten Grade unglücklich, für die Chinesen wahrscheinlich eine wesentliche Ursache ihrer unvergleichlichen politischen Entwicklung. Religiöse Traditionen konnten in fester Form nicht lange aufrecht erhalten werden, staatliche also ebensowenig. Uralte Dokumente gab es nicht. Alles war bloß Rederei. Der ganze religiöse und metaphysische Autoritätshumbug, die reine Monarchie, das Von-Gottes-Gnadentum, die Vaterlandsliebe, alles was Tradition aus religiösen Quellen ist und die sogenannte zivilisierte Welt noch heutigentages vor den lächelnden Augen des Chinesen despotisch beherrscht, war zugleich mit der feudalen Ordnung ungefähr zur Zeit des Lao-tse und des Konfutsius zugrunde gegangen. Was weiterleben konnte, war nur das Alltägliche, alles was den Menschen als Menschen mit anderen Menschen, und nicht als Herdenmitglied mit übermenschlichen Mächten in Verbindung bringt, die durch einzelne Menschen vertretene politische Zwangsordnung einführen. So wurde die Religion bloße Moral und zwar _wirtschaftliche_ Moral, während die politische Ordnung wirtschaftliche Assoziation wurde. Nicht als ob keine religiösen Erscheinungen bei Chinesen weiterbestanden hätten; im Gegenteil, sie haben sich ungeheuer vervielfältigt. Aber sie sind individuell. Es gibt keine religiöse Macht bei Chinesen, die ihnen einen unserer schönen Staaten hätte bescheren können. Das Abhängigkeitsgefühl, welches die Chinesen zusammenhält, ist nicht das von einer höheren Macht, einem Staatsprinzip, einer nicht kritisierten bestehenden Ordnung, sondern ganz einfach das Gefühl der Abhängigkeit jedes einzelnen von allen anderen. Die „Zusammengehörigkeit“ der Chinesen hat durch den papiernen Charakter, durch die Veränderlichkeit der Grundlagen auf denen sie früher einmal beruht hat, gerade das gewonnen, was die europäische Politik, um ihre Päpste zu erhalten, absolut nicht gewinnen will: die Freiheit vom Unvernünftigen. Sie hat zu Komponenten bloß diejenigen, welche in Europa _nach_ dem Religiösen, dem „Staatsideellen“, auftreten: Rassengefühl, Sprachgefühl oder vielmehr Schriftgefühl, und vor allen Dingen etwas, das Europa noch vollständig abgeht, Kulturgefühl, wie es sich aus der Gemeinsamkeit wirtschaftlicher Sitten und wirtschaftlicher Siege entwickelt. Denn Europa hat kein Kulturgefühl, sonst würde es westlich von den Russen keine Staaten, sondern _eine_ große Kulturgruppe geben, in welcher die Unterschiede von Gegend zu Gegend, in Sprache, Rasse, Charakter und Überzeugung kaum größer wären als innerhalb der einen großen chinesischen Nation. »» ~ 20 ~ Aber wenn diese Unterschiede in China so groß sind wie in Europa, wie hält da die Nation überhaupt zusammen? Kann man sich nach sogenanntem Nationalcharakter verschiedenere Völker denken, als die lebhaften, kleinen Südchinesen und die riesigen phlegmatischen Leute aus Shaanxi, die ruhigen gutmütigen, lebensfrohen Stämme der Ostprovinzen, die bissigen, rührigen Hakka in Fujian und die hartnäckigen, individualistischen Westchinesen aus Gansu und Sichuan? Kein Kantonese kann Pekinesisch verstehen, kein Schanghaier die Hakkasprache. Was ist verschiedener als die atheistische Philosophie des Konfutsius, der zur platten Magie verstümmelte Taoismus und der mit unzähligen uralten dämonistischen Vorstellungen durchtränkte Buddhismus? Und doch existiert die chinesische Nation fester und zukunftsgewisser nach ungeheurer Vergangenheit als irgend eines unserer modernen europäischen Völker. Sie hat seit tausend Jahren fünf fremde Völker verschluckt und verdaut. Sie hat seit sieben Jahrhunderten dreimal viele Generationen hindurch auf ihrem als eine Art ästhetischer Gewohnheit beibehaltenen Kaiserthron nichtchinesische Dynastien beherbergt. Sie kann sich erobern, zerstückeln, aufteilen, unterwerfen, wegdekretieren lassen -- und sie lebt jedesmal weiter. Sie ist keine einheitliche Rasse, sie ist keine Religionsgemeinschaft, sie hat nicht einmal gemeinsame politische Traditionen, sie kümmert sich nicht um ihre politische Geschichte, und noch weniger um ihre politische Zukunft. Alles was für Europa das Zusammenleben der Massen, die Politik ausmacht, hat sie abgestoßen. Ja sogar die Schriftgemeinschaft, so wundervoll sie ist, mit ihrer Fähigkeit ungefähr in jeder Sprache gelesen und geschrieben werden zu können, ist nichts Wesentliches, denn jeder schreibt nicht und der wirkliche Austausch von Gedanken, Gefühlen und Wünschen geht stets mündlich vor sich. Was China zusammenhält, ist etwas ganz anderes: es ist die _Gemeinsamkeit der wirtschaftlichen Formen_, die Gemeinsamkeit des alltäglich sich Wiederholenden, auf welches kein Autoritätsprinzip der Welt mehr Einfluss haben kann. Es ist auf dem tiefsten Grunde der chinesischen Seelen das, was an der Oberfläche der internationalen eleganten europäischen Kaste die Gemeinsamkeit des gestärkten Vorhemdes, des Frackes und des Zylinders ist. Nur -- und hiermit gelangen wir zum letzten wichtigsten Gliede in der Kette politischen Lebens -- umschließt in China diese Gemeinsamkeit _alle_ wirtschaftlichen Gruppen im Volke, während in Europa das Überleben alter religiöser schlechthinniger Autoritätsprinzipien das Volk in feindliche Kasten zerteilt. Der Konflikt zwischen den wirtschaftlichen, individuellen und den religiösen, staatlichen, staatserhaltenden Instinkten ist in China zugunsten der ersten gelöst. In Europa gelangt er gerade in unserer Zeit erst zu seinem Höhepunkte. »» ~ 21 ~ Das Religiöse bindet, das Wirtschaftliche löst. Das Staatliche zwingt, das Kulturelle befreit. Die Macht Weniger kann Staaten groß machen; aber Kulturen werden nur groß, wenn Staaten zugrunde gehen. Regierungen sind immer reaktionär, weil sie Autorität wollen; Menschen sind immer revolutionär -- wenn sie Kultur wollen. Das ist das ganze Geheimnis der Politik. Jeder, auch der geringste Fortschritt einer Kultur durchbricht den Rahmen der bestehenden staatlichen Ordnung. Feste, mächtige Staaten müssen demnach wahre Hindernisse der Kulturentwicklung sein. Das erscheint Chinesen so natürlich und Europäern so gotteslästerlich -- denn die politisch organisierte Nation ist ja ein Gott -- dass es sich wohl verlohnt, den Konflikt zwischen dem Staat und dem Kulturmenschen und hiermit gerade die Art der Politik, die der Europäer in unserer Epoche treibt, näher zu betrachten. »» ~ 22 ~ Der Einwand, der Grundsatz, mit welchem die parallele Entwicklung eines Staates und einer Kultur gegenüber der Behauptung ihres Antagonismus am leichtesten und erfolgreichsten verteidigt wird, ist der, dass in der Geschichte tatsächlich bloß in großen mächtigen Staaten Höhepunkte von Kultur erreicht worden sind. Dieser Grundsatz söhnt die freigewordenen individuellen, wirtschaftlichen Instinkte der einzelnen Untertanen mit der Notwendigkeit staatlichen Gehorsams aus. Er sitzt an der Wurzel aller modernen Staatenpolitik. Er ist das letzte verzweifelte Überzeugungsmittel, mit welchem tausendjährige Autoritäten die für sie verderblichen Folgen der inneren Befreiung der Individuen vom schlechthinnigen Glauben hintan zu halten trachten. Er ist auch der letzte Entschuldigungsvorwand der dynamischen Schwäche derer, die diese Befreiung erfahren haben, aber die durch viele Generationen hindurch fast Instinkt gewordenen traditionellen Gesetze gesellschaftlicher Ordnung nicht über den Haufen zu werfen wagen. Und doch ist dieser Grundsatz, so ehrlich er von manchen Halbfreien gemeint ist, falsch. Wer vermag zu leugnen, dass wir nicht eine einzige Kulturform kennen, die _in_, geschweige denn _von_ großen Staaten geschaffen wäre? Was sehen wir am Ursprung aller höheren Kulturen? Absolute Dezentralisation. Schwächliche Staatlein ohne feste Abhängigkeitsordnung. Und nichts ist psychologisch weniger wunderbar. Denn Kultur wird nicht gemacht, sondern macht sich selbst. Nicht der politische Rahmen, in dem ein Volk lebt, kann sie schaffen, sondern nur das Zusammenwirken der Individuen, die er umschließt. Und je schlechter er sie umschließt, je weniger das Individuum in den Dienst einer Ordnung, einer Regierung, einer Autorität gestellt ist, je freier es ohne Widerstand seinen persönlichen, auf seine persönliche Befriedigung gerichteten Wünschen leben kann, um so reicher können sich die in ihm schlafenden Kulturmöglichkeiten entwickeln, um so fruchtbarer ist auch das Wirken eines seiner natürlichen Anlage nach bevorzugten Individuums auf seine Gefährten. Hat je ein unterägyptischer Ropaitu oder Stammespriester etwa ein Gesetz erlassen, welches befiehlt, Töpfe zu erfinden? Hat im ältesten China das Haupt des Stammes „Pflaume“ (zu dem Li-Hungtschang gehörte){18} angeordnet, man solle den Reisbau schaffen? Nein, alles Kulturelle ist zwar nicht _kollektiven_ Ursprungs (denn _einer_ hat zuerst einen Topf zustande gebracht), aber der Ursprung ist _anonym_; er hat nichts mit den von der staatlichen Ordnung sanktionierten Lebensregeln zu tun. Wäre dies nicht so, dann gäbe es heute noch keine Pendeluhren, keine Dampfmaschinen, ja noch nicht einmal für die Europäer ein Amerika. Denn die staatliche Ordnung des Mittelalters, die päpstliche Herrschaft, das christliche Gesellschaftsprinzip mit seiner den Untertanen aufgezwungenen Lebensauffassung erlaubte all dieses nicht. Die ganze moderne Kultur ist _gegen_ das Christentum gemacht worden von Leuten, in denen der Glaube, die schlechthinnige Abhängigkeit, schwach geworden war. Und je stärker eine solche Autoritätsordnung ist, je mächtiger folglich ihre Vertreter, die Oligarchen, sich zeigen können, wird nicht mit um so größerem Erfolge alles niedergeschlagen werden, was (nicht etwa unmittelbar, sondern nur durch seine psychologischen Anregungen) die Prinzipien dieser Macht durchbrechen kann? _Deshalb_ sind große Staaten immer kulturfeindlich. {18: Worauf sich Ular hier bezieht ist unklar.} Wuchs die ägyptische Kultur etwa mit dem ägyptischen Reiche und der Macht der Großkönige? Nur die können es glauben, welche die Größe einer Kultur nicht an dem Reichtum des inneren Lebens des Menschen, sondern an der Länge, der Breite und dem Gewicht übriggebliebener Denkmäler messen. Das „große Haus“ (Pa-ro bedeutet nichts anderes, wie ähnlich z.B. Mika-do), die im König personifizierte übermenschliche Macht, formte ein nationales Zusammengehörigkeitsprinzip, als die ägyptische Kultur im wesentlichen ausgebildet war. Vor der sogenannten Ersten Dynastie schon herrschte in den Clans des Nildeltas unter totemistischer, noch nicht zum politischen Machtsystem von Priestern gewordener Ordnung eine reiche technische Kultur. Und wenn sie sich noch etwas weiter entwickeln konnte (bis zur Vierten Dynastie), so lag das daran, dass nach der Zusammenfassung der Clans in einen Staat die Kulturen aller durcheinander gemischt wurden. Aber dann war es aus. Die Initiative aller einzelnen wurde der Autorität geopfert, damit diese in Ruhe fortbestehen konnte. Die Ropaiten, die Totemträger, wurden einfach Feudalfürsten, über sie setzte sich der König, über ihre Totems setzten sich die der Könige. Und dann gab es fast zweitausend Jahre hindurch kulturell nichts Neues mehr. In Chaldäa war es ebenso. In den winzigen Ländern von Sippar, Ur, Lassam, Ajade{19} herrschte eine hochentwickelte Kultur, eine wundervolle Vielgestaltigkeit des Lebens. Und als sie ins Joch großer Staaten gezwungen wurden, blieb alles aufgehalten, weil alles Neue die psychologische Grundlage der Großkönigsmacht, das unabänderliche, starre Prinzip der bestehenden Ordnung hätte durchbrechen können. Der gewöhnliche Mensch wurde vor allem Untertan, Machtmaterial, Werkzeug der Oligarchie. Diese nahm dann die bestehenden Kulturformen natürlich für sich. Aber sie konnte sie nicht weiterentwickeln, sondern nur analysieren, verfeinern, ins Unnütze zersplittern, bis von ihnen nichts übrig blieb als einzelne, Müßiggängern besonders angenehme Aspekte. Denn Kultur ward das Vorrecht der Müßiggänger; und wenn Müßiggang, nach Nietzsche, aller Philosophie Anfang ist, so ist er jedenfalls aller Kultur Ende. {19: Gemeint sind sumerische Stadtstaaten des 3. Jahrtausends v.u.Z.} Näher bei uns, beobachten wir dasselbe im alten Griechenland. Und man begreift nicht, wie mächtige Staatenlenker, sofern sie ihrer Macht noch sicher sind, überhaupt erlauben können, dass ihre Untertanen, sofern diese auf Kultur halten, überhaupt mit griechischer Geschichte bekannt gemacht werden. Das Papsttum und das christliche Mittelalter suchten mit Recht im Griechischen den Geist der Revolution gegen alle festen Autoritäten. Denn Griechenland war kulturell groß, solange es politisch zersplittert war, solange, besser noch, in jedem winzigen Lokalstaat keine feste Ordnung herrschen konnte, solange es in Kriegen verblutete, die im Grunde Kultur-, Prinzipien-, also Revolutionskriege, aber jedenfalls doch Bürgerkriege waren. Sicher waren Athen, Sparta, Korinth und andere politisch bald starke, bald ruinierte Gruppen eigentlich Oligarchien. Aber eben weil ihre Macht lokal beschränkt und zeitlich ungewiss war, weil zwischen ihnen und der Masse kein Band absoluter, religiöser, schlechthinniger Abhängigkeit bestand, sondern nur das ephemere Band politischer, wirtschaftlicher Herrschaft, haben sie die wundervolle Entwicklung des griechischen Lebens nicht aufhalten können, sondern im Gegenteil sich durch fortwährende Anpassung an es halten müssen. Nur der Schwache passt sich an. Der allmächtige Zar schlägt lieber alle Versuche weiterer Kultur nieder. Mit Alexander fing in Griechenland das Zarentum an. Die Vielgestaltigkeit des Lebens hörte auf. Alles wurde dem Großkönigtum unterworfen. Man wurde Untertan eines Reiches: man war nicht mehr Athener. Und von diesem Augenblicke an war es bekanntlich mit der griechischen Kultur aus. Sie blieb wie sie gerade war. Soll man auf Nietzsche hinweisen und seine Analyse der modernen deutschen Kultur, wie alles Große, was in Deutschland das Licht der Welt erblickt hat, zur Zeit der politischen Zersplitterung zutage getreten ist, die Tiefe und innere Rührigkeit des deutschen Lebens mit der Gründung des großen Reiches halt gemacht hat und dem Zwange der Reichsidee, dem Zwange des Handelns für die Macht des Reiches gewichen ist, welche jedenfalls nur einer Minorität nützt und das Volksleben in einheitlichere Bahnen gepresst hat? Und Einheitlichkeit des Tuns ist Amputation der Kultur, die wie der Baum in zahllosen Ästen, Zweigen, Blättern, Blumen und Früchten regellos wuchern muss, um schön, reich und weit zu sein. Aber die deutsche Kultur ist nicht zu Ende: sie ist „Germanentum“ geworden. Wir werden sehen, ob das politisch irgend etwas bedeuten kann. Die griechische Kultur war ja auch nicht zu Ende, als Alexander sie in sein Reich zwang und Teile von ihr in seinem wüsten Siegeszug über den ganzen Orient ausschüttete. Sie lebte ja in Asien weiter, erfuhr eine großartige Renaissance in Ägypten, ja sogar im römischen Reich, und füllte schließlich sogar noch jahrhundertelang den Rahmen des byzantinischen Kaisertums aus. Gewiss. Aber das war nicht mehr die griechische Kultur, sondern eine andere, von der sie vielleicht der Vater war, aber jedenfalls zahlreiche andere die Mütter gewesen sind. Und diese einfache Feststellung genügt, um schließlich die beiden großen politischen Fragen unserer Zeit unvoreingenommen zu beantworten: was soll nationale Machtpolitik, und was soll Sozialpolitik? »» ~ 23 ~ Wie eifersüchtig feste Oligarchien den Fortbestand der ihnen gefügigen Ordnung auch wünschen und durchführen, die von ihnen unabhängigen persönlichen, wirtschaftlichen Tendenzen der Untertanen leben und wirken fort, manchmal schwächlich, manchmal aber mit elementarer Wucht. Und schließlich tritt einmal eine der folgenden drei Eventualitäten ein -- von denen zwei Folgen der äußeren, die dritte das Ergebnis der inneren Politik sind. In den ersten beiden Fällen kann man die innere Politik als auf einfache Verwaltungstätigkeit reduziert annehmen, so zwar, dass das ganze Volk mit der herrschenden Staatsordnung eins ist. Äußere Politik ist immer Machtpolitik, Weltpolitik -- nur ist je nach den Umständen die Welt größer oder kleiner. Ist diese äußere Politik unglücklich, so wird die Autoritätsordnung von einer fremden durchbrochen. Ist sie glücklich, so durchbricht sie eine andere. Geht dies ohne ganz moderne Komplikationen vor sich -- und wir müssen uns der Klarheit halber aufs Altertum beschränken, da es ja jetzt überhaupt gar keine verschiedenen europäischen Kulturformen mehr gibt -- dann wird entweder der eine Staat vom anderen erobert, oder er erobert ihn. Und dann tritt das Sonderbare ein. Das Ergebnis ist zwar nicht für beide politische Ordnungen, wohl aber für beide Völker wesentlich dasselbe. Erobern oder erobert werden ist stets ein Gemischtwerden. Denn es kommt ja nicht nur eine neue Ordnung auf, sondern es kommen auch deren Träger mit, welche zugleich Träger aller der Kultur sind, die in dem erobernden Rahmen lebt. Und nun beginnt eine gegenseitige Durchdringung, Befruchtung, Bereicherung der Kultur in irgend einem Sinne für _beide_ Völker. Es ist gerade wie mit der Überschwemmung des Gelben Flusses. Wird sie gehindert, so wird der Boden nicht reicher; seine Früchte werden schlechter und schließlich stagniert alles. Kommt sie, so fällt ihr die lebende Generation zum Opfer, aber die Späteren züchten neue, schönere, vielfältigere Früchte auf mit neuem Salze durchtränktem Boden. Es gibt, wenn man so sagen darf, für Völker zwei Arten der Befruchtung: entweder überfluten sie ein anderes und durchdringen es, oder sie lassen sich überfluten und nehmen das Neue in sich auf. Das Ergebnis ist im Grunde dasselbe. Die verschiedene Methode hängt vom Temperament und außerdem von der inneren Stabilität der streitenden Staatsordnungen ab. »» ~ 24 ~ Aber ist solche Mischung überhaupt nötig? Ist sie nicht eine Kalamität? Gehen in ihr nicht die Unterlegenen zugrunde? Und meistens sogar, in gewisser Hinsicht, die Sieger, besonders wenn sie in alte relativ entwickeltere Kulturen dringen? Yutschen, Naimanen, Kitanen, Liaos, Mandschus und viele andere siegreiche Völker sind in China verschwunden. Italien sollte ein germanisches Land sein seit Roms Sturz. Frankreich fast seit derselben Zeit. Und doch sind die unterlegenen Chinesen, Italiener und sogar die englischen Kelten mit höherer Kultur wieder auferstanden, von Frankreich gar nicht zu reden. Die Wahrheit ist, dass die Mischung der Völker, um nicht zu sagen Rassen, ihr Zusammenprall, ihre gegenseitige Durchdringung die unabweisliche Vorbedingung zur Entwicklung der Kultur ist. Die Umwälzung -- nicht bloß der staatlichen Ordnung, diese ist hier nur Zwischenmittel -- ist den Völkern so nötig wie dem Ackerboden, der mit dem Pfluge durchfurcht wird. Und gerade deswegen sind alle höchsten Kulturen in schwachen Staaten erreicht worden. _Wie_ die Durchdringung vonstatten geht, ist Temperamentssache der Beteiligten. Aber sie ist nötig. Ohne die griechischen Lokalkriege, welche die blonden Dorier und die dunklen Jonier durcheinanderwarfen, wäre die griechische Kultur kümmerlich gewesen. Die in Ägypten hat ihre wesentlichen Phasen erreicht zuerst in den ewig wechselnden Verhältnissen der uralten Clans; dann zwanzig Jahrhunderte später, als mit der zehnten Dynastie das Reich auseinanderflel und fast tausend Jahre hindurch Duodezländer neben und gegeneinander wirtschafteten; weiter mit dem Einfall und der jahrhundertelangen Herrschaft der arabischen Hyksos, nach welcher -- nicht nur zufällig -- ganz genau dieselbe politische Entwicklung vor sich ging wie in Russland nach der Befreiung von der mongolischen Herrschaft (Zerstörung der Feudalordnung; Umgestaltung derselben in Hofadel; Reichssteuern und Finanzen; stehende Heere; reine gottähnliche Selbstherrschaft, und mit ihr bloße Machtpolitik mit Eroberungen, aber ohne jeden wesentlichen Kulturfortschritt); später wurde Ägypten erst wieder lebendig, als nacheinander im Norden die Libyer mit Scheschonq, im Süden die Äthiopier mit Schabaka alles über den Haufen warfen; dann kamen die Assyrier und schleppten Teile ihrer Kultur ins Land; und alles das war lediglich möglich durch die Abnahme des religiösen Glaubens an den Großkönig, das Erwachen des individuellen, wirtschaftlichen, unabhängigen Wünschens der Menge, durch die Revolution derer, welche lieber einen Scheschonq zu Hilfe riefen, als in der Staatsordnung der Pharaonen weiterleben wollten; mit Psammetich dringt die griechische Kultur nach Ägypten; er stützte sich auf Griechen, um die Reste alter Pharaonenheere zu zerstören; die Perser fuhren dazwischen; schließlich fiel alles an Alexander; und nach ihm, und als schließlich noch allerlei Römisches hinzukam, blühte jene wunderbar reiche Kultur, die, abgesehen von unseren Maschinen, die schönste war, die es je gegeben hat. Aber auf wie vielen Schlammschichten wilder Überflutungen wurzelte sie! Wie verwickelt wird eine solche Analyse erst, wenn man sie etwa für Frankreich anstellen wollte, oder sogar für Deutschland! Es ist letzthin bewiesen worden, dass fast alle großen Männer der italienischen Renaissance germanischen Ursprungs gewesen sind, und man hat darauf auf die überlegene Kulturfähigkeit der Germanen schließen wollen. Aber warum ist dann die Renaissance nicht in Deutschland geboren, wo viel mehr Germanen waren? War die Bedingung zu ihr nicht gerade die Wechselwirkung des Verschiedenen? Warum kennen wir überhaupt keine reine Rasse, kein ungemischt gebliebenes Volk, keinen dauernd fest gebliebenen Staat, in dem das, was wir hohe Kulturformen nennen, aufgetreten wäre? Und warum sind gerade die gemischtesten, die Franzosen, die Engländer und nach ihnen die Deutschen am weitesten gekommen? Und was wird in hundert Jahren nicht in Amerika geleistet sein? Warum, mit einem Wort, ist höchste Kultur da, wo früher schlechteste äußere Politik getrieben worden ist? Weil Kultur und Nationalpolitik verbindungslose Pole sind. »» ~ 25 ~ Aber die Chinesen! Erstens sind sie auch gemischt. Würfen wir alle europäischen Völker durcheinander, so würden wir an „Nation“ ungefähr dasselbe herausbekommen, was die Chinesen an „Reinheit“ sind. Und außerdem kennen die Chinesen, wie schon bemerkt, keine Nationalpolitik in unserem Sinne. Sie kennen nur _wirtschaftliche_ Organisation. Und damit kommen wir zu dem dritten Falle der Umwälzung politischer Ordnung, von dem die Rede war; derjenigen, die aus der inneren Politik fester Staaten hervorgeht. Er tritt ein, wenn der schon erwähnte Grundsatz der Machtpolitik seine Kraft verliert, nach welchem tatsächlich bloß in großen mächtigen Staaten Höhepunkte der Kultur erreicht worden sind, und demgemäß im Interesse der Kultur, in ihrem eigenen Interesse, die einzelnen Untertanen oder Bürger ihre freigewordenen wirtschaftlichen, individuellen Instinkte den Bedürfnissen der als national bezeichneten, aber stets oligarchischen Staatsmacht unterordnen sollen. Dass dieser Grundsatz das Werk der um ihre ursprünglich religiöse, äußerlich politische, aber wesentlich doch wirtschaftliche Herrschermacht Besorgten ist, kann natürlich keinem Zweifel unterliegen. Es fragt sich nur, ob er wirklich die lebendig gewordenen Ideen wirtschaftlicher Freiheit im Zaune halten kann. Es ist dies an und für sich offenbar nur dann möglich, wenn der Masse wirklich vorbewiesen werden kann, _dass_ ihre Kultur mit der herrschenden Ordnung notwendigerweise zugrunde gehen muss. Und dieses ist nur dann plausibel, wenn ein höheres Kulturvolk an den Grenzen der Staatsordnung, in der es lebt, rohe Barbaren sich gegenüber sieht. Das war bei alten Griechen und Chinesen allenfalls anzunehmen, und sie haben deshalb nationale Verteidigungskriege geführt, die wirklich der Kultur im allgemeinen nützlich waren, und an denen jeder mit Verzweiflung und Begeisterung teilgenommen hat. So etwas gibt es in Europa nicht mehr. Raffinierter ist es schon, wenn Oligarchen das Volk zu Kulturkriegen unter dem Vorwande verführen wollen, als solle seine wirtschaftliche, kulturelle Entwicklung für jedes Individuum durch den glücklichen Angriff auf eine höhere Kultur gesteigert werden. Aber das geht nur, wenn die religiöse, die auf Glauben an die Autorität begründete Zusammengehörigkeit von Machthabern und Volk neben den in den Einzelnen wach gewordenen unabhängigen Tendenzen wirtschaftlicher Natur noch sehr wirksam ist. Viele glauben in Frankreich, England und sonst wo, so läge die Sache ungefähr in Deutschland. Aber auch dies sollte vernünftigerweise in Europa nicht mehr möglich sein. Der Konflikt in der Seele der untertänigen Individuen zwischen dem alten „Schlechthinnigen“ und der neuen Initiative des Einzelnen für sich ist zu akut geworden. Es kann wohl noch auf den Glauben an das Staatserhaltende, an die Notwendigkeit des Staates, an die Nation, kurz auf den Patriotismus gerechnet werden, aber, wenn man so sagen darf, nur auf Umwegen, indem er nicht mehr die Machthaber, sondern die Existenz kultureller Traditionen im Auge hat. »» ~ 26 ~ Aber nach allem, was in dieser Studie auseinandergesetzt worden ist, sind ja alle Elemente der modernen europäischen Politik nur zu verständlich. Es gibt im Grunde keine andere Kultur mehr in Europa als -- die europäische. Dass mit einiger Sprachkenntnis jeder Europäer in jedem Kulturstaat zu Hause ist, wenn er nur seine spezifischen religiösen Staatsvorurteile abstreift, beweist es schlagend. Sobald ein Europäer keine Politik treibt -- keine auswärtige Politik, versteht sich -- ist er nicht mehr Deutscher, Franzose oder Engländer, sondern -- Europäer. Und wenn er im Staate, zu dem er gehört, innere Politik nicht im Sinne des Nutzens für die bestehende Oligarchie treibt, sondern im Sinne seiner eigenen Kultur, so ist er in gewisser Hinsicht Vaterlandsfeind, weil er auch Europäer ist. Die Kulturinteressen der Europäer sind nämlich überall dieselben, sie sind, wenn man Staat und Nation verwechseln darf, international. Was die verschiedenen Staaten voneinander trennt, ist erstens der Rest religiöser Abhängigkeitsatavismen, zur nationalen Tradition sublimiert; zweitens das wirtschaftliche, das Machtinteresse der Herrschenden. Dagegen sind die Interessen, und somit die vom Religiösen befreiten Kulturinteressen aller nicht zur Oligarchie gehörenden Europäer identisch. Und das Merkwürdigste ist, dass auch die entgegengesetzten nationalen Interessen der Machthaber zur Interessengemeinschaft werden, sobald überall in gleicher Weise der Bestand selbst aller Oligarchien in Frage kommt. Sieht man vom Religiösen, das allmälich, wie vor 2000 Jahren in China, zugrunde geht, ab, so gibt es in Europa nur noch _eine_ innere Politik, _einen_ internationalen Machtkampf. Denn es stehen sich über alle Grenzen hinweg in der Einheit der europäischen Kulturgruppe dieselben nicht mehr religiös zu definierenden, sondern irdische Menschen gewordenen Gegner gegenüber, das internationale Proletariat und die internationale wirtschaftliche Oligarchie. »» ~ 27 ~ So war es auch einmal in China. Und es hat dort keine gewaltsame soziale Revolution gegeben, weil die Oligarchie über kein Menschenmaterial mehr verfügte. Die „schlechthinnige Abhängigkeit“ war verschwunden. Kein Mensch kämpfte mehr für die Autorität der anderen. Und das Ergebnis war jene großartige wirtschaftliche Organisation, die mit ihren riesenhaften Kooperativgenossenschaften eine im wirklichsten Sinne des Wortes unsterbliche Gesellschaft gebildet hat, in die man wohl eindringen, aber aus der man sich nicht wieder herausarbeiten kann. Und seitdem braucht China weder Macht- noch Verteidigungskriege zu führen. Es überlässt diesen atavistischen Sport den Fremden, die sich einbilden, es zu beherrschen. Es treibt auch keine Politik mehr. Und doch wird es immer mächtiger. »» ~ 28 ~ Aber das kommt daher, dass auf der höchsten Stufe nicht technischer, sondern gesellschaftlicher Kultur der Mensch für den Menschen und nicht für die Phantasmagorie absoluter Prinzipien streitet. Solange der Mensch sich Inkarnation dünkt, treibt er Weltpolitik. Denkt er sich Mensch und nichts als Mensch, dann wird die Welt_politik_ zum Welt_verkehr_. Dann reißt der Gelbe Strom fremder Kulturen nicht mehr nationale Deiche ein, ersäuft Völker und lässt aus Ruinen neue Herrlichkeit steigen. Sondern er sickert, in unzählige sanfte Flüsse gespalten, leise über die fruchtbaren Felder; seine schweren Wasser umarmen jede Wurzel; und er baut langsam, stetig, mühelos, mit Freude begrüßt, neuen trächtigen Boden und wachsendes Glück. Äußere Politik ist Kampf zwischen außermenschlichen Herrschaftsformen. Innere Politik ist Kampf zwischen dem außermenschlichen Herrschaftsprinzip und dem Menschen. Kulturpolitik ist alles, was Herrschaft zerstört und autonome Individuen aus dem Zwange der Überlieferung löst.